Immer im Einsatz: Oberarzt Roland Siefer. Foto: Roland Seifer

Oberarzt Dr. Roland Siefer kriegt von seinem Beruf nicht genug. Sogar in seinen Ferien praktiziert er. Dann reist er nach Tibet und behandelt in einer der ärmsten Regionen der Welt Patienten, die sich normalerweise keine medizinische Versorgung leisten könnten.


So was wie Urlaubsplanung kennt Roland Siefer nicht. Sein Reiseziel steht fest. Wenn es irgendwie geht, sammelt der Arzt seinen Jahresurlaub und macht sich auf nach Tibet. Drei Tage in Flugzeug, Bus und Jeep – dann hat er sein Reiseziel erreicht: die osttibetische Region Dargye.

Doch ein Abenteuerurlaub erwartet Siefer dort die nächsten drei bis sechs Wochen nicht, kein kulturelles Sightseeing, keine Wanderungen in den atemraubenden Höhen des Himalayas. Der 43-Jährige macht damit weiter, womit er an seinem Arbeitsplatz in Dannenberg (Elbe) aufgehört hat: Er praktiziert als Arzt, bietet kostenlose Sprechstunden an. Für Tibeter, die sich keinen Arzt leisten können. Möglich macht dies der Verein „Tashi Dargye“ in Hamburg, den der Lüneburger 2004 gemeinsam mit Freunden und zwei niedergelassenen Ärzten aus Dannenberg gegründet hat.

Seine Aufgabe in Dargye ist nicht mit seiner Arbeit in Dannenberg zu vergleichen. Schließlich arbeitet er zu Hause als Oberarzt für Kardiologie, alles ist technisch und filigran. Bei seiner Arbeit  unterstützen ihn Computer, es ist steril, die Kollegen sind top ausgebildet. In der tibetischen Krankenstation ist das anders. Doch daran passt er sich schnell an. Eine andere Umstellung bereitet ihm da eher Schwierigkeiten: „Die Höhe und das Essen: Bis ich mich daran gewöhnt habe, vergeht immer eine Woche“, sagt er.
 

Seine Patienten empfängt der Arzt in einer großen Baracke aus Holz, in der auch tibetische Heilkundige arbeiten. Als Untersuchungszimmer dient ein schlichter Raum: zwei große Regale, in denen sich Medikamente und Verbandszeug stapeln, ein kleiner Schreibtisch, eine einfache Pritsche für die Patienten und ein paar Stühle für Familienangehörige. So haben Siefer, seine Frau und eine Studentin die Station 2005 und 2006 eingerichtet. Bewaffnet mit Blutdruckmesser und Stethoskop machte sich der Arzt anschließend daran, den Bewohnern des ärmlichen Landstrichs wenigstens eine medizinische Grundversorgung zu bieten.

Seine Behandlungen laufen immer gleich ab: „Ich messe Blutdruck. Frage die Patienten, wie es ihnen geht und was ihnen fehlt.“ Anschließend folgen weitere Kontrollen, wie die Untersuchung mit dem Stethoskop oder ein Urintest. Dabei achtet Siefer vor allem auf typische tibetische Volkskrankheiten, wie Bluthochdruck, Lungenerkrankungen, Magenbeschwerden und Infektionskrankheiten. Manche Erkrankungen kann der Arzt mit gespendeten Medikamenten behandeln, kleine Verletzungen versorgt und Wunden näht er, bei anderen sorgt er dafür, dass die Patienten in einem besser ausgestatteten Krankenhaus unterkommen.

Selbst mit der nach westlichen Standards eher primitiven medizinischen Versorgung rettet Siefer Menschenleben. „Einmal hatte ich eine 17-Jährige mit Verdacht auf schwere Leberentzündung. Wir haben ihr Geld gegeben und sie in ein Krankenhaus geschickt. Später habe ich erfahren, dass es ihr besser geht.“ Auch einen Mann mit Darmverschluss rettete er mit seiner Diagnose und der eingeleiteten Behandlung das Leben.

Weil seine Mittel beschränkt sind, legt Siefer sein Hauptaugenmerk auf Gesundheitsaufklärung. So lasse sich momentan die größte Wirkung erzielen. „Es geht uns vor allem darum, die Wichtigkeit einer Basishygiene zu vermitteln.“ Mit einem Plakat versucht der Oberarzt die Tibeter davon zu überzeugen, sich beispielsweise vor dem Essen die Hände zu waschen oder die Rauchentwicklung in den Küchen zu minimieren, um Lungenerkrankungen vorzubeugen.

„Die rennen einem die Bude ein“

Am Tag strömen 50 bis 60 Menschen zu dem 43-Jährigen, aber nur 30 bis 40 können behandelt werden. Manch einer nimmt Fußmärsche von über sechs Stunden in Kauf, um sich von dem Deutschen untersuchen zu lassen. Kein Wunder, denn in der Gegend wird nach der traditionellen tibetischen Tradition behandelt, also vor allem mit Pulsdiagnostik, Akupunktur und Kräuterheilkunde. Es fehlt an ergänzenden Behandlungsmethoden. Das nächste Krankenhaus, in dem nach westlicher Schulmedizin gearbeitet wird, ist 40 Kilometer entfernt – in der unwägbaren und kaum erschlossen Region Tibets eine halbe Weltreise. Und kaum ein Tibeter kann sich die  Behandlungen leisten. Während ein Lehrer im Monat nur 160 Yuan (umgerechnet etwa 18 Euro) verdient, muss er allein für die Aufnahme in ein Krankenhaus 1000 Yuan als „Eintrittsgeld“ zahlen. Ein Gesundheitssystem im deutschen Sinne gibt es nicht. Leistungen wie Röntgen kosten extra.

Der Einsatz von Siefer und die Spenden, die bei „Tashi Dargye“ bisher eingingen wirken sich aus. Mittlerweile gibt es in der Krankenstation nicht nur sechs bis acht Stunden Strom am Tag, auch fließend Wasser ist in der Baracke nun verfügbar. Vorher musste Wasser vom 200 Meter entfernten Fluss geholt werden. Auch medizinische Geräte konnte Siefer besorgen: Hochdruckkocher, Sterilisator, Ultraschall, ein altes EKG-Gerät stehen jetzt in Dargye. Ein Mikroskop für Tuberkulosediagnostik soll bald folgen.
 

 
Patienten warten vor der Krankenstation. Foto: Roland Siefer.


Neben der medizinischen Unterstützung kümmert sich der Verein „Tashi Dargye“ auch um kulturelle Einrichtungen vor Ort. So wurden dank der Arbeit des Hamburger Vereins bereits zwei Schulen und zwei Klöster saniert beziehungsweise auf- und ausgebaut. Letztes Jahr überwies der Verein insgesamt 180 000 Euro aus privaten Spenden nach Dargye.

Trotz aller Fortschritte bleiben die Behandlungen ein Abenteuer. „In den seltensten Fällen können wir wirklich eine Diagnose erstellen. Meistens sprechen wir  nur eine Verdachtsdiagnose aus“, beschreibt Siefer die Arbeit. Wenn der Arzt mit seinen Möglichkeiten in Dargye nicht weiterkommt, weitere Tests braucht oder gar eine Operation nötig wird, schickt er die Patienten mit dem nötigen Geld in die nächst größere Stadt Ganze oder sogar in die noch weiter entfernte Provinzhauptstadt Kangding. Weil er mit den Tibetern nur über eine Dolmetscherin sprechen kann, sind diese Situationen besonders umständlich. „Du gibst den Leuten Geld in die Hand. Für ihre Verhältnisse sehr viel Geld, das überfordert sie oft“, sagt Siefer. Haargenau müsse man den Patienten erklären, warum und was sie genau tun müssen. Meist wird ein Vertrag geschlossen, in dem geregelt ist, dass das Geld nur für die Behandlung verwendet werden darf. Dennoch kommt es immer wieder zu komischen Situationen: „Einmal hat ein Mann angerufen, den hatte ich untersucht und nach Kangding geschickt. Er fragte, ob er das Geld auch dafür verwenden darf, dass Mönche für ihn beten. Er hat geglaubt, das hat dieselbe Wirkung.“

Trotz ihrer traditionellen Hinwendung zu spiritueller und Naturmedizin stehen die Tibeter dem westlichen Arzt aufgeschlossen gegenüber. „Die Menschen sind hier sehr medizingläubig. Die rennen mir die Bude ein“, sagt Siefer. Sein Ziel ist, langfristig einen tibetischen Arzt zu finden, der die Krankenstation übernimmt und Dargye das ganze Jahr über medizinisch versorgt. Aber noch scheitert das am Geld.

Doch das ist nicht das einzige Hindernis. Besonders die chinesischen Behörden machen den Helfern zu schaffen. Genehmigungen sind extrem schwer zu bekommen. „Mittlerweile sind die Chinesen sogar dazu übergegangen, erteilte Genehmigungen zurückzuziehen“, erklärt Siefer. Seine Tibetreise konnte er 2008 nicht antreten, weil eine Einreise nach Tibet nach den Protesten anlässlich der Olympischen Spiele nicht möglich war.

Dieses Jahr will er aber auf jeden Fall zu seiner dritten Tour in den Himalaya aufbrechen. Nur weiß er noch nicht, ob es beruflich klappt. Aber für die Tibeter opfert er gerne seinen Urlaub. Er ist angetan von den Menschen, die er als „besonders gastfreundlich und warmherzig“ beschreibt. „Sie haben sich viele besondere Eigenschaften bewahrt. Zum Beispiel die Art, ihren Glauben zu leben.“ Nur sei es leider für so ein „friedliches Volk“ schwer, sich gegenüber anderen Völkern zu behaupten. „Deswegen brauchen die Tibeter unsere Unterstützung.“ Schon als Jugendlichen bewegte ihn das Schicksal des Volkes. Das hat sich bis heute nicht verändert, nur kann er es heute unterstützen.

 

Weitere Infos gibt es unter: www.tashi-dargye.de
 

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