Da geht’s lang, zur Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien Foto: Sascha Pries

Ob in Deutschland ein Computerspiel, ein Video oder ein Film für Jugendliche offiziell zu haben ist, das entscheiden ein paar Leute in Bonn: Dort sitzt das Medienkompetenzteam der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Bewachter Hochsicherheitstrakt oder multimediale Schaltzentrale? Unser Autor Gerrit hat sich umgesehen.

Beim eckigen Blockbau. Treffpunkt Tiefgarage. Am Telefon klang das ziemlich futuristisch und irgendwie nach Spionagefilm. Doch in der verregneten Realität sieht es dann eher trist aus als verschwörerisch, und auch der Informant weckt mehr Sympathien als Sorgen. Richard Wilmanns wird die vermeintlich geheimen Räume öffnen.

Zwei Stockwerke sind ganz in der Hand der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, kurz BPjM. Während sich im vierten Stock 14 juristische Kollegen um den Giftschrank – das Archiv mit allen CDs, Büchern und Zeitschriften auf dem Index – drängeln und sich mit Vertriebs-, Verbreitungs- und Werbebeschränkungen beschäftigen, könnte man eine Etage tiefer Fußball spielen. Hier sitzen auf ebenso viel Raum nur ganze drei Männer: Wolfram Hilpert, Walter Staufer und Richard Wilmanns. Sechs Augen für die Republik. Das Medienkompetenzteam bildet den pädagogischen Teil der BPjM.

Wolfram Hilpert in schwarzem Hemd, Walter Staufer in rotem Hemd und Richard Wilmanns in anthrazitfarbenem Hemd.
Das Kompetenzteam der BPjM: Wolfram Hilpert, Walter Staufer und Richard Wilmanns., Foto: Sascha Pries

 

Die Bundesprüfstelle ist unverkennbar dem Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstellt: lange Flure mit grauem Teppichboden, weiße Raufasertapeten und grelles Neonlicht. Auch ein paar Plakate und Karikaturen ändern nichts am Eindruck, dass man hier genau so gut seinen Personalausweis beantragen oder die Steuererklärung abgeben könnte. Selbst das Tageslicht wird durch etliche graue Jalousien ferngehalten. Erst die Büros lassen aufatmen. Wilmanns hat sich seins mit bunten Lenkdrachen ausstaffiert: „In der Freizeit experimentiere ich gerne mit diesen Dingern.“ Der Mann hat ein Hobby, eine beruhigende Erkenntnis. Er sitzt nicht tage- oder gar nächtelang vor dem Computer- oder Fernsehbildschirm, auf der Suche nach jeder noch so kleinen Gemeinheit.

Viel lesen und schreiben

2005 wurde das Team neu gegründet und mit erfahrenen Pädagogen aus der politischen Erwachsenenbildung besetzt. Schnell hatten sie die Bereiche untereinander aufgeteilt. Einer ist verantwortlich für Extremismus und die Handys (Hilpert), einer für HipHop (Staufer) und einer für Pornografie (Wilmanns). „Abgesehen von der Anforderung, Eltern und Erziehende zu sensibilisieren, konnten wir unser Aufgabenprofil relativ selbstständig entwickeln. Das war sehr schön, aber auch sehr, sehr anstrengend“, sagt Wilmanns.

Zur Arbeit gehöre „viel lesen und schreiben“, sagt Wilmanns, „die Forschungslage durcharbeiten und daraus pädagogische Tipps ableiten.“ Denn die drei haben sich vorgenommen, die Medienkompetenz von Eltern und Erziehenden zu stärken. Diese sollen zum Beispiel in die Lage versetzt werden, Kindern und Jugendlichen beim Umgang mit dem Internet zu helfen, entscheiden zu können, wie viele Stunden vor dem Computer noch vertretbar sind und ab welchem Alter man fernsehen darf. Direkten Kontakt mit Jugendlichen gibt es laut Wilmanns eher selten: „Jugendliche haben naturgemäß ein Misstrauen gegen staatliche Institutionen, das macht präzise Jugendarbeit schwierig. Wir konzentrieren uns deshalb meistens auf die Multiplikatoren.“ Sag es einem, der es dreien sagt, die es dann wieder dreien sagen, und irgendwann wissen es plötzlich alle – so die Theorie zu Multiplikatoren.

In einem Regal liegt ein Stapel Zeitschriften. Er ist mit Bindfaden zusammengebunden und mit „Indizierte Zeitschriften 1964“ beschriftet.
Unter anderem auf dem Index: Zeitschriften..., Foto: Sascha Pries

Mit diesem simplen Prinzip reist das Medienkompetenzteam bundesweit zu Vorträgen an, bei denen sie dann über Gewaltvideos auf Handys, Mobbing im Internet sprechen oder eben auch darüber, wie ein Film oder ein Computerspiel auf dem Index landet. Die Themen dieser Vorträge landen meistens auch auf der Internetseite. Gerade sitzt Wilmanns an einem leicht chaotischen Schreibtisch und arbeitet an seinem neuen Aufsatz. Das Thema: „Die Wirkung von Pornografie auf Jugendliche im Geschlechtervergleich“. Das Ergebnis steht schon fest: Jungs werden von Pornos eher angezogen als Mädchen. Außerdem leiten Jungs ihr Bild von Männlichkeit daraus ab.

Daumen hoch oder Daumen runter?

Mit wenigen Klicks findet man, was von der BPjM indirekt einen Daumen bekommt, also empfohlene Medien. „Wir haben kein Interesse daran, irgendwas oder irgendwen zu ächten. Wir wollen zum Beispiel nicht Computerspiele generell mies machen, sondern Medien und ihre Wirkung in einen Zusammenhang stellen.“ Was sie meinen, ist simpel: Jemand, der geschlagen wurde, schlägt deswegen nicht zwangsläufig jemand anderen. Wichtig ist immer auch, wie das Verhältnis zur Familie ist, welche Freunde man hat oder wie es einem jungen Menschen geht.

Ein Regal voller indizierter Bücher, deren Titel man nicht erkennt.
...Bücher...
Foto: Sascha Pries

Wird ein Antrag auf Indizierung gestellt, also soll der Zugang zu einem Video oder einem Computerspiel für Jugendliche gesperrt werden, kommt bei so genannten offensichtlichen Fällen ein 3er-Gremium zusammen – die Vorsitzende der BPjM und zwei wechselnde Experten. Unabhängig davon trifft sich einmal im Monat eine 12er-Runde. Vertreter aus Kunst, Vertrieb, Jugendhilfe, Lehrerschaft und Religionsgemeinschaften beraten dann über die Anträge, die von insgesamt 800 Verbänden und Einrichtungen in Deutschland gestellt werden können. Das 3er-Gremium muss sich einig sein, die zwölf müssen mindestens eine Zweidrittel-Mehrheit erreichen. „Und das will schon was heißen. Dann gibt es wirklich einen breiten, gesellschaftlichen Konsens für die Entscheidung“, sagt Staufer. „Immerhin kommen die Mitglieder ja aus allen Bereichen. Wenn man Jugendlichen mal was vorspielt, sind die sich immer ganz schnell einig, dass es verboten werden müsste. Im Gremium verläuft die Diskussion durchaus kontroverser.“

Ein Regal voller inidizierter Videofilme, deren Titel man nicht erkennt.
...und unzählige Filme.
Foto: Sascha Pries

Auch die, von denen die Medien stammen, dürfen dabei sein und ihre Argumente vortragen. Vor allem in der Musikbranche ist das mittlerweile gang und gäbe. Da kommt dann ein Anwalt eines bekannten Rappers aus Berlin vorbei und hangelt mit dem Gremium am Rande der Jugendgefährdung entlang. So lange, bis beide Seiten mit den Songtexten zufrieden sind oder zumindest damit leben können. Seit der ersten Sitzung im Juli 1954 bis zum Januar 2009 sind in Deutschland insgesamt 6654 Videos, DVDs, Computerspiele, Bücher, CDs oder auch Internetseiten auf dem Index gelandet.

Aufklärung und Transparenz

Diese Sitzungen betreffen die drei vom Kompetenzteam aber nicht. Sie bleiben donnerstags in ihren Büros und kümmern sich um das Service-Telefon. Wenn besorgte Eltern anrufen, klingelt es direkt bei Hilpert, Staufer und Wilmanns. Gemeinsam mit den Anrufern gehen sie dann die üblichen Fragen nach der Schulleistung, den Freunden und den Hobbies durch. „Meistens sind die Eltern danach ziemlich beruhigt“, sagt Wilmanns. Wenn nicht, hat er alle nötigen Kontaktdaten griffbereit.

Eine Hauptaufgabe – den Jugendmedienschutz transparent machen – ist an diesem Vormittag erfüllt. „Unsere Arbeit hat halt nichts mit Moralisieren zu tun, sondern hier geht es um die Entwicklung von Jungen und Mädchen, die einmal in dieser Gesellschaft leben sollen.“ Zum Abschied blitzt bei Staufer dann aber doch noch kurz auf, dass er das Überwachen nicht lassen kann: „Wir lesen ja eh, was Sie da schreiben.“ Na dann: einen schönen Gruß!

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