Sarah ist 20 Jahre alt und lebt bei ihrem Vater. Hier erzählt sie, wie sie die Scheidung ihrer Eltern und das Aufwachsen bei ihrem Vater erlebt hat.
Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich ungefähr sechs war, also kurz bevor ich eingeschult wurde. Das weiß ich noch ziemlich genau, weil ich auf der Einschulung von vielen Kindern gefragt wurde, wo meine Mutter denn sei.
Meine Mutter war alkoholabhängig. Das war auch der ausschlaggebende Grund für die Scheidung meiner Eltern, das weiß ich heute. Bei meiner Einschulungsfeier konnte ich das natürlich noch nicht so genau erklären.
Die ständigen Fragen von anderen Kindern und Jugendlichen haben mich wirklich lange bedrückt. Zum einen war da die Trauer, dass meine Mutter nicht mehr da war und das Unverständnis darüber, warum sie gegangen war. Zum anderen auch eine gewisse Wut, weil sie sich nicht mehr bei mir gemeldet hat. Die Wut kam allerdings erst mit der Pubertät, ich glaube vorher habe ich gar nicht richtig begreifen können, was eine Scheidung überhaupt bedeutet. Ich habe den Kindern immer nur antworten können: „Meine Mutter lebt nicht mehr mit uns zusammen.“ Das fanden viele komisch.
Dabei habe ich meine Mutter noch zweimal in der Woche gesehen, bis ich ungefähr neun war. Sie hat mich dann immer abends aus dem Hort, einer Art Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung für Schulkinder, abgeholt und wir sind zu ihr in die Wohnung gefahren, oder haben irgendwas unternommen. Später, als es bei ihr mit dem Trinken schlimmer wurde, wollte mein Vater nicht mehr, dass ich sie besuche. Und ich wollte das eigentlich auch nicht. Weil sie durch ihre Abhängigkeit immer extreme Launen hatte, konnte man sie nie richtig einschätzen, das ständige auf-der-Hut-Sein, war immer sehr anstrengend, hat mir aber auch eine recht gute Einschätzungsgabe und Menschenkenntnis eingebracht, glaube ich.
Auch über Jungen konnten wir reden
Weil ich mich schon früh mehr an meinen Vater gebunden habe, war das Zusammenleben mit ihm nie ein Problem für mich. Da er natürlich arbeiten musste, bin ich eben nach der Schule zum Hort gegangen, und er hat mich dann abends dort abgeholt. Das hat alles immer ganz gut funktioniert.
Was vielleicht ein schwieriges Thema für ein Mädchen ist, das bei ihrem Vater lebt, ist die Pubertät. Aber eigentlich war das immer ganz normal, mit meinem Vater über solche Sachen zu sprechen. Auch über Jungen konnte ich immer gut mit ihm reden und wenn es mal was gab, zu dem er mir nichts sagen konnte, konnte ich immer noch die Mutter einer Freundin fragen, mit der ich mich gut verstanden habe. Manchmal habe ich das Familienleben, das es bei Freundinnen und Freunden gab, vermisst. Ein richtiges Familienleben hatten wir eigentlich nur, wenn wir Besuch von der Verwandtschaft hatten. Andererseits bin ich auch ein etwas dickköpfiger Mensch und brauche meinen Rückzugsraum und Zeit für mich. Das hat mein Vater immer voll akzeptiert, Freundinnen hatten da mit ihren Müttern mehr Probleme. Die stehen dann vor der Zimmertür und wollen den Streit ausdiskutieren. Das wäre nichts für mich. Wenn es mal Streit gegeben hat, musste ich mich erst mal in mein Zimmer zurückziehen können. Später haben wir dann geredet, wenn wir uns beide etwas abreagiert haben, allerspätestens abends beim Essen. Kochen kann mein Vater nämlich zum Glück super.
Und sonst war es auch zu zweit immer völlig in Ordnung für mich. Ich kenne das ja gar nicht anders. Ich glaube, im Gegensatz zu anderen Mädchen in meinem Alter, komme ich meist besser mit Jungen als mit Mädchen aus und habe mehr Freunde als Freundinnen. Vielleicht liegt das ja daran, dass ich mit einem Mann aufgewachsen bin und irgendwie besser verstehen kann, wie die Männer manchmal so drauf sind. Ganz sicher bin ich mir da aber auch nicht.




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