Ob eine Familie funktioniert, hängt entscheidend vom gegenseitigen Verständnis ab. Aber wie gehen Eltern und Kinder überhaupt miteinander um? Was war früher anders – und was wird einmal anders sein? Schekker-Autor Gerrit sprach darüber mit Professor Jürgen Mansel von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).
Schekker: Herr Mansel, Sie sind selbst Vater von zwei Töchtern, einer Krankenschwester und einer Architekturstudentin – und auf der anderen Seite Sohn Ihrer Eltern. Bemerken Sie Unterschiede in den Beziehungen?
Prof. Jürgen Mansel: Ich denke, im Vergleich zu früheren Generationen haben sich die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern gewandelt, sie sind sehr viel toleranter und offener geworden sind. Früher war es häufig so, dass die einzelnen Familienmitglieder über ihre Rolle innerhalb der Familie definiert wurden. Die Beziehungen waren durch die Anforderungen an diese Rollen geregelt.
Heute spricht man von so genannten „Verhandlungshaushalten“, in denen die Kinder und die Jugendlichen durchaus Mitspracherechte haben. Kinder werden teilweise zum Mittelpunkt des Lebens.
Denn zum Einen ist es heute für viele eine ganz bewusste Entscheidung, Kinder zu bekommen, und zum Anderen hat das Kind an emotionalem Wert gewonnen.
Keine Rente aber den Kaiser
Unsere Gesellschaft wird aber auch immer älter. Immer weniger Menschen bekommen immer später immer weniger Kinder. Ist es heute kein erstrebenswerter Lebensplan mehr, eine Familie zu haben?
Für viele ist das tatsächlich so. Es gibt überzeugte Singles, die sich aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden haben, Kinder zu bekommen. Zum Beispiel wollen sich viele Menschen selbst verwirklichen und ihre Zeit nicht opfern. Gleichzeitig sind denen, die die Entscheidung bewusst anders treffen, ihre Kinder dann auch enorm wichtig. Gerade der emotionale Zugewinn ist oft Grund für diese Entscheidung.
Früher, vor 100 Jahren, als es in Deutschland noch keine Rentenregelung, aber noch einen Kaiser gab, hat man Kinder schlichtweg zur Absicherung des Lebensunterhalts im Alltag gebraucht. Deshalb hatten die Leute viele Kinder. So war sichergestellt, dass immer genügend da waren, falls eines starb. Die Sterblichkeit von Kindern war damals deutlich höher. Heutzutage ist es keine materielle Bindung mehr, sondern eben eine emotionale.
In der Bildungs- und Schulpolitik wird gerne davon gesprochen, dass man Jugendliche heute „fördern und fordern“ muss. Gilt das auch zwischen Eltern und ihren Kindern?
Ich denke schon. Eltern versuchen heutzutage, ihre Kinder bestmöglich zu unterstützen, damit sie selbstständig werden und ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Das ist wahrscheinlich das zentralste Lebensanliegen. Man macht heute keine Verhaltensvorschriften mehr, sondern versucht, seine Kinder rational zu überzeugen. Man will ja, dass sie vernünftige Entscheidungen treffen können, um dann auch selbst dahinter zu stehen. Das ist natürlich nicht in allen Familien so, aber der Idealtyp ist das schon. Über die 50er und 60er Jahre sagt man, dass die Erziehungsziele Gehorsam und Sauberkeit waren, vor allem in den Arbeiterhaushalten. Heute ist es die Förderung von Selbstständigkeit und Kreativität.
Sturm im Wasserglas
Trotzdem sagt man ja auch, dass sich Jugendliche an ihren Eltern reiben und mit ihnen Konflikte austragen müssen.
Das ist wichtig, keine Frage. Irgendwann müssen sich die Jugendlichen natürlich vom Zuhause und den Eltern lösen. Da gehört auch schon mal ein ordentlicher Streit dazu. Allerdings bleiben immer noch emotionale Beziehungen bestehen, selbst wenn die Kinder ausgezogen sind.
Heißt das, Jugendliche sind heute eher kleine Rebellen in, wie Sie es nannten, Verhandlungshaushalten? Sind die Probleme von Jugendlichen schwache Stürme in kleinen Wassergläsern?
Die Generationenkonflikte, wie wir sie aus den 50er und 60er Jahren kennen, sind heute bei Weitem nicht mehr so heftig und einleuchtend. Wenn ich mich daran erinnere, wie viel Streit ich mit meinem Vater hatte, weil ich mir die Haare lang wachsen lassen wollte! Das war damals total in Mode, aber mein Vater hat mir mit verschiedenen Strafen gedroht. Er wollte mir sogar mit der Rasierklinge nachts die Haare abschneiden. Ich habe dann gesagt: „Ok, mach einfach, aber wenn du daneben schneidest, hast du einen Sohn gehabt.“
Heutzutage ist das eigentlich undenkbar. Möglicherweise gibt es noch Haushalte, in denen gestritten wird, weil die Jugendlichen ihr Zimmer nicht aufräumen, weil sie im Tohuwabohu leben oder zu lange wach bleiben. So schwerwiegende Konflikte wie früher, gibt es heute aber einfach nicht mehr.
Trotzdem ist erst im November 2000 das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ in Kraft getreten. Warum so spät?
Das ist eine gute Frage! Das sollte man die Politiker fragen. Ich denke, viele Menschen haben zum Beispiel Prügelstrafen tatsächlich noch sehr lange als Ultima Ratio, also als letzten Ausweg, in Betracht gezogen. Vielleicht, um ihr Kind zu etwas zu bewegen, was es ungern wollte. Aber dieses Gesetz ist natürlich absolut wertvoll und hätte deutlich früher kommen können, wenn nicht müssen. Das stimmt.
Um Auswege zu finden, gibt es mittlerweile Elternkurse, Erziehungsratgeber, Familientherapien… Machen sich Eltern denn wirklich so viele Gedanken darum, wie sie sich ihrem Kind gegenüber verhalten können?
So ein großer Markt kann natürlich nur durch ein gewisses Beratungsbedürfnis entstehen. Eltern sind heute teilweise massiv verunsichert, was das Richtige ist und wie aus ihren Kindern selbstständige Individuen werden. Insbesondere die Individualisierungsprozesse, aber auch die Auflösung von traditionellen Werthaltungen werden dann von Menschen genutzt, die Geld verdienen wollen. Der Markt stößt mit solchen Ratgebern in eine Marktlücke, obwohl Eltern dadurch nicht zwangsläufig sicherer werden.
Kann man absehen, wie sich das weiterentwickeln wird? Gibt es vorhersehbare Trends in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern?
Sie haben ja schon angesprochen, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Durch diesen demografischen Wandel gewinnen Kinder immer deutlicher an Wert. Sie sind in gewisser Weise eine Seltenheit. Deswegen gehe ich davon aus, dass sich das Verhältnis weiter liberalisiert oder das liberale Niveau von heute zumindest bestehen bleibt. Ich denke auch, dass der Trend anhält, sich bewusst für oder gegen Kinder zu entscheiden. Für viele Menschen wird das Kinderkriegen also weiterhin eine ganz zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig wird es neue Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern geben: Zum Beispiel werden sich die Mütter immer weiter beruflich selbst verwirklichen wollen. Da kann es passieren, dass die Rufe nach Ganztagsbetreuung immer lauter werden. Zwar behaupten die Männer häufig, sie würden sich die Erziehungsaufgaben gerne teilen, wir sehen aber immer wieder, dass es in fast 95 Prozent der Familien eine traditionelle Rollenverteilung gibt. Die Erziehung bleibt größtenteils die Aufgabe der Frauen. Da werden die Männer immer mehr in die Pflicht genommen werden.
Herr Professor Mansel, wir danken Ihnen für das Gespräch.




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