Überall auf der Welt sind die Lebensräume von Tieren und Pflanzen bedroht. 2010 wurde deshalb zum "Jahr der biologischen Vielfalt" ernannt. Schekker-Autor Gerrit sprach darüber mit dem Pressesprecher des Bundesamtes für Naturschutz, Franz August Emde.
Schekker: Herr Emde, in Ihrer Funktion hat man in so einem Jahr bestimmt besonders viel zu tun, oder?
Franz August Emde: Man merkt schon, dass das Interesse der Medien steigt und auch die Anfragen zunehmen. Aber wir finden das natürlich gut, wenn sich die Menschen – insbesondere die Jugendlichen – mehr für unsere Themen interessieren. Dieses Jahr wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ja genau deshalb zum "Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt" erklärt.
"Biologische Vielfalt" ist ja ein relativ allgemeiner Begriff. Was lässt sich alles darunter fassen?
Biologische Vielfalt - oder kürzer Biodiversität - ist viel mehr als nur unterschiedliche Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen. Unter Biodiversität versteht man sowohl die Vielfalt der Arten auf der Erde, die Vielfalt innerhalb der Arten – also die genetische Vielfalt - als auch die Vielfalt von Ökosystemen und Landschaften. Einfacher gesagt: Es ist die Vielfalt des Lebens in all seinen Formen.
Provokant gefragt: Wäre es denn nicht auch irgendwie praktisch, wenn gewisse Arten aussterben? Mücken, Tauben, Brennnesseln - die mag doch keiner so wirklich.
So mögen es vielleicht ein paar Menschen sehen. Die Vögel, die von den Mücken leben, sehen das sicher anders. Jede Art hängt direkt oder indirekt von einer andern Art ab. Man kann sagen: Alle Bereiche der Biodiversität sind eng miteinander verknüpft und wirken aufeinander ein. Sie bilden immer neue Kombinationen – wie ein riesiges Netz, in dem ununterbrochen neue Knoten geknüpft werden. Also: Ohne Mücken und Fliegen keine Frösche. Ohne Brennnesseln keine Tagpfauenaugen, die Raupen dieses wunderschönen Schmetterlings fressen nämlich ausschließlich Brennnesseln.
Jedes Jahr verschwinden 13 Millionen Hektar Wald
Es gab schon früher massives Artensterben. Worin liegt der Unterschied zu heute?
Ja, in der Erdgeschichte gab es früher auch starke Veränderungen, zum Beispiel durch Sonneneinstrahlungen oder Kontinentverschiebungen. Absolut neu ist die Geschwindigkeit, in der die biologische Vielfalt weltweit sinkt. Das gab es vorher nie. Jährlich wird eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar vernichtet - das ist so groß wie Griechenland. Karibische Korallenriffe sind bereits zu 80 Prozent zerstört, 35 Prozent aller Mangroven wurden innerhalb der letzten 20 Jahre vernichtet. Auch in Deutschland ist es um die heimische Natur nicht gut bestellt: 72 Prozent aller Lebensräume sind gefährdet oder sogar akut von Vernichtung bedroht. Von den einheimischen Tierarten Deutschlands sind 35 Prozent, von den Pflanzenarten 26 Prozent bestandsgefährdet.
Was sind denn die Ursachen für diesen Verlust der biologischen Vielfalt?
Da gibt es ein Bündel von Ursachen. Vom menschengemachten Klimawandel über den wachsenden Bedarf an Siedlungs- und Verkehrsflächen, die industrielle Landwirtschaft bis zu den Ausbeutungen von Urwäldern. Um nur ein paar Faktoren zu nennen. Außerdem findet das Artensterben nicht nur an Land statt. Durch riesige Fischfangflotten werden ganze Teile des Meeres übernutzt, das heißt, sie werden fast „leergefischt“.
Kurze Flüsse und lange Listen
Wo und wie ist denn der Verlust besonders sichtbar?
Sie brauchen sich nur alte Landkarten anzuschauen, dann sehen Sie, wie stark die Naturflächen zurückgedrängt wurden: Zum Beispiel hatte der Rhein früher viele Seitenarme und große Überflutungsflächen, heute ist er weitgehend begradigt. Betrachtet man Satellitenbilder von Regenwäldern kann man den Raubbau zum Teil sogar vom Weltraum aus sehen. Unsere so genannten "Roten Listen" der bedrohten Tier- und Pflanzenarten werden immer länger.
Gibt es spezielle Aktionen im "Jahr der Biologischen Vielfalt"? Und wo kann ich mich darüber informieren?
Viele Staaten machen entsprechende Kampagnen zur Aufklärung der Öffentlichkeit. In Deutschland planen das Bundesamt für Naturschutz und die Umweltverbände verschiedene Aktionen dazu. Die kann man ganz leicht im Internet finden:
www.wandertag.biologischeVielfalt.de
Eigentlich sollte schon bis 2010 der Verlust der Biodiversität deutlich reduziert werden. So war es 2002 in Johannesburg beschlossen worden. Warum sind bisherige Vorhaben, die Biodiversität erkennbar zu schützen, nicht erreicht worden?
Hier haben alle Mitgliedsstaaten ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Immer noch werden oft kurzfristige ökonomische Entscheidungen getroffen, deren Folgen für die Menschheit und die Biodiversität nicht durchdacht worden sind. Wir fischen die Weltmeere leer, roden Regenwälder und setzen auf eine Landwirtschaft, die keinen Platz für andere Pflanzen und Tiere lässt. Mit unseren Kaufentscheidungen, immer das billigste Lebensmittel zu kaufen, unterstützt jeder Mensch diesen Mechanismus noch.
Natur fängt vor der Haustür an
Aber warum sind der Klimaschutz und der Eisbär eher im allgemeinen Bewusstsein als der Schutz der biologischen Vielfalt?
Weil die Entwicklung oft so schleichend verläuft. Die meisten Menschen können nicht erkennen, wie es um die heimische Natur bestellt ist. Für sie ist das, was sie sehen, eben Natur. Egal ob es sich um den Stadtwald, den Garten oder eine Wiese handelt. Die Zusammenhänge sind sehr komplex und das ist oft das Problem.
www.bfn.de
www.iucn.ch/deutsch/iucn.htm
www.wwf.de
www.bund.net
www.nabu.de
Worauf kann ich denn selbst achten, im Urlaub zum Beispiel?
Das fängt bei der Auswahl des Reiseziels und der Anreise an. Fahre ich mit dem Auto oder nehme ich den Zug? Es hört auf beim konkreten Verhalten vor Ort. Brauche ich in einer wasserarmen Gegend ein Hotel mit Swimmingpool? Kaufe ich Souvenirs von bedrohten Arten? Benutze ich mit meinem Mountainbike Wege oder fahre ich querfeldein? Die Liste ist ganz schön lang.
Und im Alltag?
Auf jeden Fall sollte man beim Einkaufen auf Gütesiegel wie MSC beim Fisch oder FSC bei Holzprodukten achten. Generell sollte man eher Produkte aus biologischem Anbau und aus der Region bevorzugen.
Wenn ich Sport treibe, sollte ich Rücksicht auf die Natur nehmen und auf den Wegen bleiben. Aber auch hier ist die Liste wirklich lang.
Und wenn ich außerdem helfen will?
Viele Umweltverbände bieten aktive Möglichkeiten zur Mitarbeit an, zum Beispiel bei der konkreten Pflege von Naturschutzgebieten. Aber auch vom Schreibtisch oder Computer aus kann man sich bei Unterschriften- oder Briefaktionen beteiligen oder sich in der Freizeit in einer Jugendgruppe engagieren.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.




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