„Kultur“? Literatur, Kunst, eine Bakterienkultur, ein bestimmter Lebensstil? Der Professor der Kulturwissenschaften Andreas Ackermann von der Universität Koblenz-Landau sucht mit Schekker nach einer Antwort.
Schekker: Der Begriff „ Kultur“ – wann und in welchem Zusammenhang ist er in Deutschland zum ersten Mal aufgetaucht und wie hat er sich historisch entwickelt?
Prof. Ackermann: „Kultur“ ist ein schillernder, schwer fassbarer Begriff. Schon 1952 listete eine Studie 175 verschiedene Definitionen auf! „Kultur“ leitet sich vom lateinischen „colere“ ab und bedeutet „pflegen“ oder „urbar machen“. In Deutschland ist das Wort seit Ende des 17. Jahrhunderts belegt. In der Alltagssprache meint Kultur meist Kunst und Literatur, einen gehobenen Lebensstil. Im kulturwissenschaftlichen Verständnis umfasst „Kultur“ die durch Menschen konstruierte Wirklichkeit. Also bestimmte Ansichten und Weltbilder, die eine Gruppe von Menschen teilt.
„Kulturen“ bezeichnet Menschengruppen, also Gesellschaften, mit einer gemeinsamen Kultur.
Der Soziologe Max Weber definierte Kultur als Ausdruck der menschlichen Fähigkeit, bewusst zur Welt Stellung zu nehmen und ihr einen Sinn zu verleihen. Demnach haben alle Menschen Kultur und geben sie in Erziehung und Bildung weiter. Kultur ist nicht biologisch festgelegt und ‚ewig’, sondern sozial überliefert und verändert sich ständig.
Wie ist das Verhältnis von Kultur und Zivilisation? Hat eine Zivilisation automatisch auch Kultur und ist ein Volk, das Kultur hat, immer zivilisiert?
„Kultur“ bezeichnet ganz allgemein die Lebensweise von Menschengruppen. „Zivilisation“ bewertet, wie fortgeschritten eine Kultur ist. Der Fortschritt kann materiell, technisch oder intellektuell sein. Nach unserer Definition hat jeder Mensch, also auch jede Zivilisation, Kultur. Ob, wer Kultur hat, sich auch „zivilisiert“ verhält, hängt dagegen von den Kriterien für „Zivilisiertheit“ ab.
Wie ist das Verhältnis von Kultur und Natur? Ist Kultur einfach Natur, die verändert wurde, also eine Art Überformung?
„Kultur“ bedeutet so viel wie „urbar machen“. Das verdeutlicht das enge Verhältnis zwischen Natur und Kultur: Alles, was wir von der Natur wissen und mit ihr machen, beruht auf kultureller Aktivität. Kultur als unsere Art, Dinge wahrzunehmen und zu interpretieren, bildet den Rahmen, in dem wir die Natur erschließen. „Natur“ und „Kultur“ sind also kein Gegensatz, sondern bedingen sich gegenseitig.
Welche Themen umfasst das Fach „Kulturwissenschaft“ an der Universität und welche Berührungspunkte zu anderen Fächern gibt es?
Die Kulturwissenschaft vereint Fächer der Geisteswissenschaften, zum Beispiel Literatur- und Kunstwissenschaft, Geschichte und Philosophie, mit Fächern der Sozialwissenschaften, wie Ethnologie und Soziologie. Sie erforscht, wie Menschen sich organisieren, wie sie leben, handeln, Konflikte lösen. Außerdem denkt sie über die Werte und Normen einer Gesellschaft nach. Damit bieten die Kulturwissenschaften einen umfassenden Blick auf Mensch und Gesellschaft.
Vor einigen Jahren wurde über den Begriff der „Leitkultur“ debattiert – gibt es diese „Leitkultur“, sollte es sie geben und kann man heute noch von einer gemeinsamen „Deutschen Kultur“ sprechen?
Dass es eine deutsche Leitkultur nicht gibt und nie gegeben hat, haben die bisherigen Debatten gezeigt. Ob es eine Leitkultur geben sollte, ist eine wichtige Frage. Denn gerade die Nation stellt eine Gruppe dar, die für den Einzelnen abstrakt und fremd ist. Deshalb müssen sich ihre Mitglieder in wesentlichen Werten und Normen einig sein. Für uns sind das zum Beispiel die Menschenwürde, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und das Recht auf freie Religionsausübung. Diese Normen sollten aber politisch und nicht kulturell begründet sein - Denn wie viel Gewicht soll man zum Beispiel der Tatsache beimessen, ob eine Person aus Bremen oder Istanbul stammt, im Verhältnis dazu, dass dieselbe Person gleichzeitig auch Deutsche, Molekularbiologin, eine Frau und Muslima ist?
Wie wirkt sich das Zusammenwachsen der Welt auf die Entwicklung von Kulturen aus? Kann es in einer globalisierten Welt noch eine gemeinsame Kultur geben?
„Kulturen“ gibt es so viele wie Gruppen. Jeder Mensch gehört zu verschiedenen Gruppen - Familie, Freunde, Schulklasse, Verein …- und hat damit unterschiedliche „Kulturen“. Die größte Gruppe, die wir heute kennen, ist die Nation.
Wenn die Welt zusammenwächst, sind zwei Prozesse zu beobachten: Globalisierung und Lokalisierung. Die These von der „McDonaldisierung“ der Welt, die in „Einheitsbrei“ mündet, muss man ergänzen – es gibt kulturelle Vereinheitlichung bei Mode, Musik und Ernährungsgewohnheiten. Aber Menschen in anderen Ländern gehen auch kreativ mit der „westlichen“ Kultur um. Dabei entstehen neue kulturelle Ausdrucksformen – das ist eine Art der Lokalisierung. Lokalisierung kann aber auch die Ablehnung der globalisierenden Einflüsse und ein starkes Vertreten der eigenen Kultur sein. Wohin es mit „den Kulturen der Welt“ geht, können wir nicht wissen, aber dass sie sich verändern, gehört von jeher dazu.




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