Valentin Thurn recherchierte für seinen Dokumentarfilm über Lebensmittelverschwendung weltweit. Die in „Taste the Waste“ gezeigten Fälle sind nicht alle neu und dennoch schockierend.
In welcher Welt leben wir eigentlich? Diese Frage stellt sich während des 90-minütigen Films ständig. Da sind etwa Supermärkte, die ihre Waren vier Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus den Regalen nehmen. Ob Joghurt, Wurst, Obst oder Gemüse. Alles landet auf dem Müll, tonnenweise, Tag für Tag. Dabei sind die Produkte noch mehr als genießbar oder gerade erst reif. Vom Essen, das alleine in Europa und den USA weggeworfen wird, könnten alle Hungernden der Welt dreimal satt werden. Wer sich dessen bewusst ist, sollte seinen Kühlschrank nicht mehr als „Vorzimmer des Abfalleimers“ verwenden und darüber nachdenken, ob es wirklich nötig ist, dass Bäckereien bis in die Abendstunden ein volles statt gerupftes Brotregal anbieten.
Energie aus Brotresten
Der Film führt vor Augen, was für ein Irrsinn sich zum Teil in Lebensmittelmärkten abspielt: Da kündigt zum Beispiel ein Supermarkt einer Bäckereifiliale den Vertrag, wenn diese um 20 Uhr nicht mehr das volle Angebot präsentiert. Die nicht verkauften Backwaren werden selten an Bedürftige verteilt und dürfen in Deutschland auch nicht mehr zur Tierfütterung verwendet werden.
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Regisseur Thurn zeigt aber auch positive Gegenbeispiele auf: Ein „Vorbild-Bäcker“ erklärt im Film, was er mit seinen Brot- und Brötchen-Resten macht: Zusammen mit Holzpellets nutzt er sie zum energetischen Heizen seiner Backöfen. Wenn das jeder Bäcker in Deutschland so machen würde, schätzt er, könne man sich ein Atomkraftwerk sparen. Genauso erschreckend wie interessant ist die Tatsache, dass die Halbierung des Lebensmittelmülls – der das klimaschädliche Methan bildet – genauso viel zum Klimaschutz beitragen würde wie die Stilllegung jedes zweiten Autos.
Ein Landwirt, der Thurns Lieblings-Protagonist ist, beklagt die Macht des Marktes. Seine weniger ansehnlichen Kartoffeln ernte er erst gar nicht, da sie sowieso keine Käufer finden würden. So bleiben die krummen, kleinen und verbeulten Erdäpfel - oft bis zu 40 Prozent der gesamten Ernte - auf seinem Acker liegen, wo sie immerhin von „Kartoffelsammlern“ aus dem Ort aufgelesen werden. Qualität, kritisiert der Kartoffelbauer, interessiere den Markt nicht. „Nur das Auge des Kunden zählt!“ Die Frage allerdings, wieso die „hässlichen“ Kartoffeln nicht an Firmen verkauft werden können, die etwa Pommes oder Kartoffelbrei daraus machen, bleibt leider im Dunkeln.
Scanner bestimmt Tomatenfarbe
Während die Kartoffel mit falscher Form liegen bleibt, werden in den USA bis zu 10 Prozent der Tomaten wegen ihrer Farbe aussortiert. Es klingt verrückt, doch mittlerweile bestimmen Scanner die „korrekte Tomatencouleur.“ Auch hier entscheidet Optik vor Qualität.
Trotz verschiedener vorbildlicher Initiativen, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren - wie Kinder-Kochkurse der Berliner Tafel mit aussortierten, aber noch guten Lebensmitteln oder die New Yorker Gärtnerin, die den Menschen zeigt, wie Gemüse wächst und Hühner ihre Eier legen - bleibt am Ende doch eher der schockierende Eindruck von tonnenweise Lebensmittelmüll, Umweltverschmutzung und den „unnötig“ Hungernden dieser Welt. Ein kritischer Appell an Produzenten, Händler, aber vor allem an uns – den europäischen Käufer, Konsumenten und Lebensmittel-Vernichter.
Valentin Thurn: „Taste the Waste“, Schnittstelle/ThurnFilm, seit 8. September 2011 im Kino






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