Einen Tag Detektiv spielen- wer wünscht sich das nicht? Ich begebe mich auf Spurensuche quer durch Straßburg. Mein Ziel: Das europäische Flair der Stadt ergründen.
Das Europäische Parlament - kein Touristenmagnet
Das Europäische Parlament im Zentrum des europäischen Viertels ist eines der bedeutendsten Gebäude unter den 79 Konsulaten und Botschaften in Straßburg.
„Prochaine station: le Parlement Européen“. Ruckartig kommt die Tram zum Stehen. Bloß eine einzige Linie hält an der Station des diplomatischen Herzens der EU. Touristenmagnet? Fehlanzeige! Als Einzige steige ich aus der stickigen Straßenbahn aus, vor mir liegt das Parlament wie ein riesiges Schneckenhaus aus Glas. Irgendwie hätte ich es mir hier geschäftiger vorgestellt, aber außer dem Security-Mann, der eine Miene wie die Wachposten des Buckingham Palace aufgesetzt hat, ist weit und breit niemand zu sehen.
Und das soll nun also der Schauplatz so vieler wichtiger Entscheidungen sein? Einmal im Monat kommen hier 785 Abgeordnete zusammen, um sich gemeinsam durch Anträge und Gesetzesvorschläge zu wühlen. Nach der Europawahl im Juni werden es nur noch736 sein, um die Differenz der Stimmzahl zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten zu verringern. Die restlichen 49 können das Parlament ja mal als Touristen besuchen.
Jugendprojekte in Straßburg

Straßburgs engagierte Jugendliche profitieren von dem politischen Flair der Stadt.
Europäisches Jugendzentrum, Centre européen de la jeunesse. Auf Französisch klingt es doch gleich nochmal eine Ecke schicker, auch wenn der unscheinbare Bauhauswürfel eher an das Bürogebäude einer Werbeagentur erinnert.
Seit 1972 unterstützt die Einrichtung des Europarates nun schon jugendpolitische Projekte. Sie steht im engen Austausch mit dem Europäischen Jugendwerk in Budapest.
Ziel des Europäischen Jugendzentrums: Jugendliche sollen Demokratie aktiv mitgestalten, sie sollen das Gefühl haben, mitwirken zu können und nicht immer alles in die Hände Anderer legen zu müssen. Aber auch der soziale Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen soll gestärkt werden. Denn nichts schweißt besser zusammen, als die Erfahrung, gemeinsam etwas erreicht zu haben.
Im Münster läuft die Zeit langsamer
Von in Vergessenheit geratenen Geschenken des Europarates und der wohligsten Kirchenatmosphäre, die Frankreich zu bieten hat.
„Andächtig“- das Wort kommt mir beim Betreten des Münsters als Erstes in den Sinn. Auf der Orgel spielt ein Mann, völlig versunken in den tiefdröhnenden Klang. Stimmt er die Orgel für den nächsten Gottesdienst? Bis zu drei Mal wird hier am Tag die heilige Messe gehalten. Dann steht der Pastor direkt unter dem großen, blau leuchtenden Kirchenfenster, das Maria zeigt. Sie breitet die Arme aus, als wolle sie alle Besucher des Münsters zu sich rufen. Das Jesuskind sitzt auf ihren Knien.
Das Kopfende des Münsters ziert nicht nur irgendein Glasfenster, sondern das „Europäische Kirchenfenster“. Es ist ein Geschenk des Europarates: eine Anerkennung für Straßburgs Bedeutung als kulturelle Schnittstelle zwischen Frankreich und Deutschland. Trotzdem findet das Fenster in Informationstexten über das Münster kaum Erwähnung. Hier allerdings zieht es mit seinen strahlenden Farben gleich als erstes meine Blicke auf sich - lange vor der überall als Wunderwerk angepriesenen Astronomischen Uhr. Vor mir zeigt eine Mutter ihrer Tochter das Fenster. „Schau mal, siehst du die Blume, die Jesus in den Händen hält?“ Tatsächlich fällt auch mir erst jetzt die weiße Blüte auf, die Jesus mir entgegen streckt. Die Zeit scheint sich hier drinnen ein wenig mehr Zeit zu nehmen als sonst, der Orgelmann widmet sich immer noch in aller Ruhe seinem Klangspiel.
Dreh- und Angelpunkt Straßburgs - der Bahnhof

Ausgangspunkt für die meisten Tagesausflügler nach Straßburg: der Bahnhof.
Wie an wohl jedem Bahnhof Europas herrscht hier vor allem eines: eine Menge Trubel! Wegen Bauarbeiten haben die Züge dann auch noch alle massig Verspätungen. Über die genervten Blicke der Anderen kann ich allerdings nur lächeln. Ich finde es durchaus tröstlich, dass wir Deutschen nicht als einzige auf unsere Züge warten müssen. Und werfe mal einen Blick auf das Zeitschriftenangebot vom Bahnhofskiosk. Erfahrungsgemäß findet sich in Frankreich ja nur schwerlich eine anderssprachige Zeitung. Nicht so in Straßburg: Gleich sieben deutsche Zeitschriften werben um die Gunst des Lesers, daneben reihen sich spanische und italienische Blätter ein. Hier hat selbst der Bahnhofskiosk einen Hauch vom großen, weiten Europa.
Es kommt nur auf die richtigen Ausflugstipps an
Was lässt Europas Touristenherzen höher schlagen? Ein Stadtplan, vollgepackt mit Ausflugstipps.
„Avez-vous du feu?“ Überrascht blicke ich auf und einer erwartungsvollen Französin ins Gesicht. Für ein „Non, je suis désolée.“ reicht mein Schulfranzösisch gerade noch, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob die Formulierung wirklich passt. Was mich aber viel mehr ins Grübeln bringt: Wieso hat sie gerade mich gefragt? Wirke ich etwa wie eine Französin? Ein Blick auf die anderen Gäste im Café gibt die Antwort: Japaner mit großen Kameras, eine kichernde Mädchengruppe (ich tippe auf Holländerinnen) und nicht zuletzt die Herren mit österreichischem Akzent, die kritisch ihr Stück Schokoladentorte begutachten und dabei nicht gerade schmeichelnde Worte gebrauchen.
Straßburg ist eben auch eine waschechte Touri-Hochburg. Gerade in den engen Gassen der Altstadt tummeln sie sich in Scharen auf der Jagd nach Crêpes und hübschen Fotomotiven, mit denen die Daheimgebliebenen neidisch gemacht werden sollen. Straßburg hat all das zu bieten. Allerdings sollte man die Stadt nicht mit dem Auto erkunden. Selbst die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen findet man leichter als einen Parkplatz.
Rettet die Universität!

Straßburgs letzte Helden - die Universität beherbergt europäische Austauschakrobaten und Revolutionäre auf Fahrrädern.
Zusammen mit den Universitäten Freiburg, Karlsruhe, Basel und Mülhausen bildet Straßburgs Uni die „Europäische Konföderation der Oberrheinischen Universitäten“ (EUCOR). Ein umständlicher Name für ein ganz simples und doch schwer erreichbares Ziel: Ein besserer Austausch zwischen den Studenten der einzelnen Fakultäten soll ermöglicht werden.
An dem altehrwürdigen Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Universität prangt ein weißes Banner. Vom Wind halb heruntergerissen ist der Schriftzug mehr zu erahnen, denn zu lesen: „Elle est unique et elle est en crève.“ Auf deutsch: Sie ist einzig und dabei zu zerfallen.
Julius, gebürtiger Hamburger und Student in Straßburg, kommentiert den Spruch: „Die Uni müsste dringend saniert werden, bekommt aber keine Zuschüsse. Soll das Gebäude einfach verfallen? Steckt doch eine Menge Tradition drin.“ Ob er glaubt, dass die Universität durch die Proteste der Studenten ihre Zuschüsse bekommt? Julius ist zuversichtlich: „Ich sag‘ nur: Fahrradwege! Gibt's eigentlich gar nicht in Frankreich. Aber hier in Straßburg schon. Hat sich bestimmt auch ein Student ausgedacht.“
Fotos: Viviane Petrescu



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