Die UNO geht davon aus, dass Mitte dieses Jahrhunderts mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Wolf-Christian Strauss vom Deutschen Institut für Urbanistik erklärt, was eine Stadt ausmacht, seit wann wir in Städten wohnen und welche Probleme auf uns zukommen werden.
Schekker.de: Seit wann leben Menschen überhaupt in Städten?
Wolf-Christian Strauss: Seit wann ist eine gute Frage, da streiten sich die Experten. Man geht momentan davon aus, dass etwa 9000 v. Chr. die ersten Städte in unserem Sinne entstanden sind. Jericho wird oft als die älteste bezeichnet. Als die ältesten Städte in Deutschland gelten Worms, Trier und Köln.
Wie definiert man eine Stadt?
Bevölkerungszahlen spielen tatsächlich nur eine nachrangige Rolle. Städte sind erst mal sehr dicht besiedelte Viertel, die räumlich definiert und umgrenzt sind, z.B. durch Stadtmauern. Früher waren Städte in der Regel ausgestattet mit irgendeiner Form von Markthoheit, sei es Finanzhoheit oder Handelshoheit. In der Folge hat sie eine Form von Regierung gebildet, die bestimmt, was in ihrer Stadt gemacht werden darf. Es gibt in der Regel durch die Zuwanderung eine sozialgemischte Bevölkerung.
Städte entstanden also aus ökonomischen Gründen?
Im Kern ja. Städte haben sich ja auch oft an Knotenpunkten von Handelswegen gebildet, also am Meer, an Flüssen...
Es gibt aber noch mehr Gründe, die Menschen in die Städte treiben. Gibt es nicht auch ein kulturelles Bedürfnis dort zu leben?
Ja, aber das hat sich erst später gebildet. Man sagt immer, Städte haben einen eigenen Kult. Das bezieht sich auf die kulturellen Entwicklungen in der Stadt. Zum Beispiel im Handwerk: Künstlerische Ausprägungen von Handwerk sind hier entstanden, weil man sich gegenseitig befruchtet hat. Wichtig für die europäische Stadt des Mittelalters war zudem der Grundsatz des Stadtrechts, der mit dem Satz „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“ umschrieben wurde. Wenn ein Leibeigener in die Stadt ging und dort ein Jahr gelebt hatte, war er frei von der Leibeigenschaft.
Bald weniger Autos? Der Klimawandel wird das Leben in Großstädten verändern.
Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de
Welche Probleme kommen auf unsere heutigen Städte zu?
Alle Städte haben eigentlich generell mit den selben Problemen zu kämpfen. Ein Stichwort ist der demographische Wandel. Wir werden älter, wir werden weniger, und damit gehen die Themen Zuwanderung und Integration einher.
Welchen Einfluss hat der Klimawandel?
Also Klimawandel bzw. Klimaanpassung ist eines der großen Themen, die kommen werden. CO2-Reduzierung und damit die Frage nach Verkehr und Mobilität. Wie bewegen wir uns in Zukunft? Damit hängt vor allem das Thema Reduzierung von Wegen zusammen. Das erreicht man, indem zum Beispiel der Fahrradverkehr gefördert wird. Der Erhalt von Freiräumen in der Stadt ist ebenfalls ein wichtiger Punkt. Freiräume führen zu Kaltluftschneisen, die führen zu einer besseren Belüftung und somit zu einer besseren Anpassung an den Klimawandel.
Sie sprachen eben von Integration und Demographie. Welche sozialen Herausforderungen warten?
Wie gesagt: Wir werden weniger und älter. Infrastruktur und Rahmenbedingungen machen es für ältere Menschen vorteilhafter in der Stadt zu wohnen. Sie werden sich auf die Städte konzentrieren: Dort sind die Wege kürzer und die Netzwerke und Dinge, die man braucht, sind einfacher zu realisieren.
Und die Integration?
Wir haben und wir brauchen Zuwanderung. Diese zugewanderten Menschen müssen integriert werden. Das wird eine der schweren Zukunftsaufgaben sein. Wir haben ja bereits jetzt Stadtteile, die einen hohen Anteil von Personen mit Migrationshintergrund aufweisen. Das ist kein Zufall, denn diese Viertel haben eine Funktion. Sie sind Integrationsmotor, Eingangsquartiere in die Städte. Die Netzwerke sind schon da, man wird aufgefangen, hat Verwandte, oder mindestens Leute aus demselben Ursprungsland. In fast jeder Stadt gibt es Bereiche, die eben diese Funktionen übernehmen. In solchen Gebieten gibt es aber auch oft strukturelle Defizite, was natürlich zu Problemen führt.
Probleme wie die Proteste 2005 in Frankreich und jetzt in London?
Deutsche Städte funktionierten schon immer etwas anders als englische oder französische. Das hat auch was damit zu tun, dass Zuwanderung in Frankreich und England häufig aus den eigenen ehemaligen Kolonien kam. Diese Zuwanderer sind naturalisiert, haben also automatisch Passrecht und sind somit dann Franzosen oder Engländer. Die Wohnungspolitik konzentriert diese Leute aber konkret an bestimmten Punkten. In Frankreich nennt man das eben „Banlieue“. Es herrscht also immer eine Trennung (eine Segregation) zwischen diesen Zuwandererfamilien aus den alten Kolonien und denen, die sich als echte Franzosen fühlen. Das treibt die Konflikte noch an. Die gibt es in Deutschland nicht, da wir diese Form der Zuwanderung nicht haben. Unsere Quartiere waren schon immer sehr gemischt, gesellschaftlich, von den sozialen Gruppen, so dass solche Entwicklungen gar nicht erst zustandekommen.
Welche ist ihre persönliche Lieblingsstadt?
Es gibt viele faszinierende und interessante Städte auf der Welt, zahlreiche die fachlich beeindrucken. Dazu zählen Bangkok und New York City. Es gibt eine Reihe von Städten in denen ich mir auch vorstellen könnte zu leben, wie Auckland, Stockholm und Vancouver. Aber in der Stadt, die ich liebe, lebe ich... Berlin.



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