Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Doch wer wohnt dann noch auf dem Dorf? Warum es so viele Menschen in diese Ballungsräume zieht und was es mit den Megacities auf sich hat, hat Schekker-Autorin Anna rausgefunden.
Wir schreiben das Jahr 2030. Auf der Erde leben neun Milliarden Menschen. 60 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Städten: Ein Zukunftsszenario oder vielleicht doch bald Wirklichkeit? Bereits heute wohnt 48 Prozent der Bevölkerung im urbanen Raum. Eine steigende Tendenz deutet sich bereits an: Für die städtische Bevölkerung wird eine jährliche Wachstumsrate von 1,8 Prozent erwartet, für die Weltbevölkerung insgesamt ein Prozent.
Sehr verständlich, wie ich finde: Während ich im Garten liege und die Stille des Dorflebens genieße, ärgere ich mich im nächsten Moment über die Busverbindung. Einmal in der Stunde befördert mich ein Verkehrsmittel in die 13 Kilometer entfernte Stadt. Ohne Auto ist man nicht nur immobil, sondern völlig abhängig von Mitfahrgelegenheiten oder verspäteten Bussen. Deshalb steht für mich fest: Wenn ich ausziehe, geht’s ab in die Stadt!
Stadtflucht vs. Landflucht
Für die Flucht in die Stadt gibt es vielfältige Gründe: Man findet zahlreiche Schulen und Unis, ein großes Angebot an ärztlicher Behandlung und zudem eine riesige Auswahl an Arbeitsplätzen. Dass man auch noch ganz schnell von A nach B kommt, verdeutlicht, wie dicht das urbane Netz sich entwickelt hat.
Auf dem Land hingegen nimmt man als Fortbewegungsmittel oft nur Rollatoren älterer Menschen wahr. Der Geburtenrückgang und die Flucht junger Menschen in die mobile Stadt sind zwei Gründe, die ein Vergreisen von Dörfern zulassen. Verlassene Dörfer mit insolventen Kneipen, abgewanderten Ärzten und geschlossen Schulen sind einerseits Folgen der Landflucht. Andererseits sind sie alles andere als ein Anreiz für junge Menschen, sich in der ländlichen Gegend niederzulassen oder – wie bei mir – zu bleiben.
Doch was geschieht mit den überfüllten Städten? Wohnungsknappheit werden viele, die in die Stadt ziehen, am eigenen Leib erfahren. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und Überfüllung von öffentlichen Verkehrsmitteln sind weitere Folgen.
Globalcities und Megacities
Besonders stark erkennt man diese Entwicklung in den sogenannen Global Cities. Ökonomisch bedeutende Millionenstädte wie New York oder Tokio fallen unter diesen Begriff. In Deutschland zählt Frankfurt am Main zu den Global Cities. Was sie außer der Größe und hohen Einwohnerzahl gemeinsam haben, ist ihr angesehener Rang als hochentwickelter Dienstleistungsstandort. Etwa durch ihren Finanzbereich sind sie stark mit der globalen Wirtschaft vernetzt.
Unter den Begriff Megacities fallen die Großstädte samt Ballungsraum mit den größten Einwohnerzahlen der Welt. Nummer Eins der größten Megacities ist die japanische Metropole Tokio. Mit rund 35 Millionen Einwohnern ist sie die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Action. Wo soll man da noch zur Ruhe kommen? Platz Zwei belegt mit circa 19 Millionen Einwohnern Mexiko-Stadt. Der dritte Platz geht an die Metropolregion New York mit über 18 Millionen Einwohnern. Deutschlands meist bevölkerte Stadt Berlin liegt bei diesem Ranking lediglich auf Platz 83! Dabei stellt schon Berlin für mich eine unvorstellbare Größe dar!
Landflucht in den Entwicklungsländern
Vor allem in den Ländern der Dritten Welt flüchten viele Menschen in solche Megastädte. Die Landflucht spielt dort eine noch größere Rolle als zum Beispiel in Europa. Der Grund ist im Prinzip derselbe wie in Deutschland, nur dass er viel extremer zum Vorschein kommt. Der Entwicklungsstand der ländlichen Regionen ist häufig unzureichend. So kommt es oft zu Rivalitäten in Bezug auf Nahrung und andere lebenserhaltende Dinge. Diese Brutalität und andauernde Kriege und bewaffnete Konflikte sind ein weiterer Grund der Landflucht. Von der Großstadt erhoffen sich viele Menschen eine sichere Zukunft und bessere Perspektiven fernab des Kampfes um Essen und Trinken.
Schrumpfende Städte in Deutschland?
Idylle ohne Jugend: Viele Orte leiden unter dem Wegzug Jugendlicher.
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Momentan sind auch die deutschen Städte eher überfüllt. Doch was geschieht in Zukunft? Der demographische Wandel hinterlässt nicht nur auf dem Land seine Spuren. Auch Städte, vor allem im Osten, sind vom Bevölkerungsschwund betroffen. Der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch spricht von einer „demographischen Katastrophe“, wenn er verdeutlicht: „Städte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner.“
Zwar ziehen immer mehr Menschen in die Stadt, doch die zunehmend schrumpfende Bevölkerung macht sich in ganz Deutschland bemerkbar – tendenziell müssten einige Städte bald aufatmen können.
Weniger Menschen, aber die meisten in der Stadt
In Deutschland zeigt sich insgesamt die Tendenz, dass immer mehr Menschen in die Stadt ziehen, da der ländliche Raum unattraktiv wird. Aufgrund des enormen Bevölkerungsschwunds werden aber auch auf lange Sicht die Städte schrumpfen.
Vielleicht lässt sich für mich in meiner Landfluchtbewegung ein Kompromiss finden: Ich ziehe in eine ruhigere Vorstadt, einen Supermarkt vor der Tür, die Bushaltestelle um die Ecke und das alles zu gut bezahlbaren Preisen. Und auch wenn nur viermal in der Stunde ein Bus fährt, kann man schon von Mobilität reden.



der Rubrik Reportage



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