Springerstiefel galten lange als typisch für Neonazis. Mittlerweile verschwim- men die Stilgrenzen. Tatjana Blechert / www.jugendfotos.de

Wenn das Wort "Nazi" fällt, denken viele sofort an Glatzköpfe, Bomberjacke und Springerstiefel. Wer ahnt schon, dass heute hinter einem harmlos aussehenden Hip-Hopper oder Punk auch ein Nazi stecken kann?! Ein Ausflug in die nicht mehr ganz so eindeutige Modewelt.

Die rechtsextremistische Szene hat sich modisch und stilistisch im vergangenen Jahrzehnt stark verändert. Noch in den 1990er Jahren war das Bild der Nazis relativ geschlossen. Den Kopf kahl geschoren, in schwarzen Springerstiefeln und fetten Jacken, die ursprünglich von US-amerikanischen Bomberpiloten getragen wurden:  Bomberjacken. In denen wirkt man besonders breitschultrig und einschüchternd.

Spätesten ab dem Jahr 2002 veränderte sich das Erscheinungsbild der Neonazis jedoch allmählich. In Berlin sahen einige Nazis den radikalen Linken plötzlich zum Verwechseln ähnlich. Ob Cargohosen, Kapuzenpullis oder mit Buttons besetzte Basecaps - es schien, als hätten die Rechten die geliebte Hardcore-/Punk-Szene der Linken für sich entdeckt. Besonders die sogenannten „Autonomen Nationalisten“, kurz AN, sorgten für Aufsehen. Was war da los?

Autonome Nazis?

Sozialwissenschaftler Jan Schedler von der Ruhr-Universität Bochum ist Experte auf dem Gebiet extrem rechter Parteien und Gruppierungen. Die AN, so Schedler, bedienen sich einerseits verschiedenster zeitgemäßer Gestaltungsformen wie Comicfiguren (beispielsweise Homer oder Bart Simpson). Andererseits aber nutzen sie auch Symbole, die stark an jene ihres politischen Gegners aus der Linken erinnern.

Da wäre zum Beispiel das Symbol der "Antifaschistischen Aktion", eines antifaschistischen Organisierungsansatzes aus der Mitte der 1990er Jahre. Das Symbol zeigt eine schwarze und eine rote Fahne und ist in der Linken weit verbreitet. Die Rechten nutzen es leicht verändert, was nicht nur Eltern, Lehrer und antifaschistische Demo-Teilnehmer irritiert(e). „Primäres Motiv ist, den politischen Gegner zu verärgern,“ sagt Schedler dazu.  Es gehe nicht im Geringsten um ideologische Gemeinsamkeiten - „die existieren nicht“. Auch die AN sind ideologisch ganz klassische Neonazis, und mitnichten beispielsweise ‘antikapitalistisch‘, erläutert Schedler.

Kampf um Symbole

Die radikalen Linken reagieren unterschiedlich auf die Unterwanderung der Nazis. Die linke Good-Night-White-Pride-Bewegung etwa war die Antwort auf den Versuch der Neonazis, sich in die deutsche Hardcore-Szene einzuschleusen. Prompt reagierten Rechtsextreme mit dem Slogan „Good-Night-Left-Side“. Die einen tragen Buttons, auf denen ein Hakenkreuz in den Papierkorb geworfen wird, die Gegner ersetzten das Hakenkreuz durch Hammer und Sichel. Da es sich oft nur um kleine Veränderungen handelt, sind die rechtsradikalen Botschaften auf den ersten Blick nicht ohne weiteres erkennbar.


Einheitsfarbe "Schwarz": Auf Demon-
strationen sind Neonazis von Autonomen oft nicht ohne weiteres zu unterscheiden. Foto: Johannes Hartl / www.jugendfotos.de

Auch die Adaptation "schwarzer Blöcke" geht in diese Richtung. Gemeint ist eine Demonstrationstaktik, die in der Vergangenheit meist von Linken und Autonomen eingesetzt wurde: Alle Demonstranten ziehen schwarze Kleidung an und wirken dadurch wie ein einheitlicher „Block“.

Manche Linken reagierten verärgert darauf, dass Neonazis verstärkt in „schwarzen Blöcken“ auftreten. Andere wurden kreativ und überlegten sich neue Aktionsformen, die Nazis mit großer Wahrscheinlichkeit ablehnen würden. So haben globalisierungskritische Linke  die "Pink & Silver"-Blöcke erfunden, auch "Radical Cheerleading" genannt. Dabei versuche man, gesellschaftliche Geschlechterzuschreibungen aufbrechen, so Schedler. Diese Taktik ist vor einer Übernahme durch die Rechten sicher, denn: Im klassisch faschistischen Weltbild hat eine neue Geschlechterzuschreibung nichts zu suchen. Zudem gilt Pink als „schwul“ - bereits im Dritten Reich hatte man homosexuellen männlichen KZ-Häftlingen rosa Hemden als Zeichen ihrer „Unmännlichkeit“ angezogen.

Der Wolf im Schafspelz

Die Orientierung an der aktuellen Streetwear und die Anleihen aus anderen Jugendszenen sollen natürlich nicht nur die Linken verärgern. Nazis versuchen, mit dieser Strategie  Nachwuchs zu rekrutieren. Aber warum sind Stil, Kleidung und Musik dabei so wichtig?

Autonome Nationalisten wollen Jugendliche dort abholen, wo sie stehen. Lässiger Style und hippe Frisur ersetzen Glatze und Bomberjacke. Jeder darf die Musik hören, auf die er Lust hat, die Klamotten tragen, die ihm gefallen. Individualität wird scheinbar akzeptiert. Man muss sich also zumindest äußerlich nicht komplett umstellen, wenn man der AN beitreten will. Die politische Botschaft rückt damit erst einmal in den Hintergrund. Doch nur vorübergehend: Im ersten Schritt wird versucht, Jugendliche vom Kleidungsstil oder der Musik zu begeistern. Im zweiten geht es dann um den rechtsradikalen Inhalt

Wie erfolgreich diese Strategien wirklich sind, ist umstritten. Ein zweiter Blick lohnt sich aber in jedem Fall. Egal ob auf Punks, Rocker oder Hip-Hopper.

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