Ein Bier in der Bar war irgendwann nicht mehr genug. Foto: Frank Grätz.

Herzlich lachen – das konnte Penelope* während ihrer Alkoholsucht nicht. Zehn Jahre hat sie getrunken. Heute ist sie 28 Jahre alt. Bei Schekker berichtet sie über ihre Sucht.


Mit 17 Jahren begann ich zu trinken, also während ich mein Abitur machte und die anderen sich um ihre Zukunft kümmerten. Ich verabschiedete mich von der Realität.
In dieser Zeit suchte ich die große Liebe. Ich bin homosexuell und habe mich damals geoutet. Das war nicht schlimm, denn meine Familie und mein Umfeld haben positiv reagiert. Ich fand es toll, anders zu sein und war ganz wild darauf Liebe und Sex zu entdecken.

Weil ich oft betrunken war, musste ich mich nicht vor meiner Freundin rechtfertigen, wenn ich fremd ging oder nicht nach Hause kam. Ich redete mich heraus und sagte, dass ich mich nicht mehr erinnern könne. So trank ich meinen moralischen Anspruch an mich selber weg und redete mir ein, dass ich dieses wilde Leben ohne Konsequenzen toll fände. Denn die einzigen realen Folgen waren der Kater am Morgen und meine schimpfende Freundin. Ich stellte mich meinen Problemen mit Familie und Studium nicht. Mit der nächsten Flasche spülte ich alles herunter.

Nach meinem Abitur bin ich an die Technische Universität nach Dresden gegangen und habe dort Englische Literatur studiert. Mein Ziel, Schriftstellerin zu werden, nahm ich als Ausrede, viel zu trinken. Ich sah den Alkohol als Teil meines offenen Lebensstils. Doch meine Ziele starben mit jedem Tag ein Stück, an dem ich Alkohol trank. Irgendwann ging ich nicht mehr zur Uni. Stattdessen nahm ich die Wunderflasche zum Probleme Wegspülen.
 


Heute trinkt sie Kaffee ohne zu Zittern. Foto:Stefanie Ender

Heimliches Trinken und die klappernde Kaffeetasse

Am Anfang trank ich nur auf Partys. Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Nach Feiern machte ich mir noch eine Flasche Wein auf und trank bis früh. Ich schlief mit Alkohol im Blut wunderbar ein. Später leerte ich schon vor dem Weggehen eine Flasche Wein, zählte das aber noch unter "Vorglühen". Ich nahm auch einen als Wasserflasche getarnten Wein mit und heizte mir, während wir weggingen, zusätzlich ein. Zehn Jahre lang habe ich exzessiv getrunken. Kurz vor meiner Therapie waren es schon zwei Flaschen Wein und zwei bis drei Bier, täglich.

Eines Morgens zitterten meine Hände. Sogar meine Mutter sagte: "Penelope, bei dir klappert jetzt ständig die Kaffeetasse. Wir gehen zur Suchtberatung." Das traf mich hart und ich sah ein, dass ich Hilfe brauche. Das war vor einem Jahr. Ich ging mit meiner Mutter zu Horizont, einer Suchtberatungsstelle in Dresden. Sie schickten mich für drei Wochen zur Entgiftung in die Arnsdorfer Psychatrie. Danach kam ich in die Therapieklinik Soteria nach Leipzig. Dort wohnte ich vier Monate und lernte viele starke Menschen kennen, die es noch schlimmer als mich getroffen hatte. Es gab zum Beispiel einen Mann, dessen Leber durch das Trinken so geschädigt war , dass seine Haut ganz gelb geworden ist. Ein Anderer hatte sein Sehvermögen verloren. Viele kämpften. Das war ein Ansporn für mich.

Die schlimmste Zeit kam nach der Leipziger Klinik, als ich wieder nach Hause zog. Ich fiel in ein schwarzes Loch. Meine Klinikfreunde waren nicht mehr da, ich fühlte mich allein. Das war Ende Juli letzten Jahres. Zum Glück war es in Dresden sonnig. Ich ging oft an das Elbufer, fuhr viel Fahrrad und genoss die Jahreszeit.

Alles trocken gelegt

Vor einem Jahr hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich die Sonne am Ende des Tunnels wiedersehe. Ich weiß, dass ich noch nicht über den Berg bin. Meine Wohnung habe ich trocken gelegt. Ich besitze weder Zahnpasta mit Ethanol, noch Kosmetika. Ich erkundige mich in Restaurants, ob in der Soße Alkohol ist. Vielleicht bin ich zu vorsichtig, doch das Risiko eines  Rückfalls ist mir zu hoch.

Durch den Entzug habe ich mich neu kennengelernt und bemerkt, wie ich auf Menschen wirke. Früher dachte ich zum Beispiel, ich sei nur witzig, wenn ich betrunken bin. Heute trete ich souveräner auf und kann mich an alles, was ich sage und mache, erinnern. Und ich lache wieder, und zwar nicht bitter und zynisch wie damals, sondern herzlich.

* Name von der Redaktion geändert
 

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