Juliane: Als Jugendliche war sie von Werbung begeistert, heute macht sie selbst welche. Foto: Privat

Juliane ist Digital Native, Netzwerkerin aus Leidenschaft und Social Media-Expertin in einem – sie ist mit elektronischen Medien aufgewachsen. Als „Strategic Concept Developer“ hat sie ihre private Leidenschaft zum Beruf gemacht und entwickelt nun Kommunikationskonzepte in einer Berliner Werbeagentur.

Als die junge Frau um die Straßenecke biegt, leuchtet ihre rote Winterjacke bereits von weitem durch das triste Grauschwarz der Menschenmenge. Den Kaffeebecher in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, schlendert Juliane durch das herbstliche Berlin: „Für den Pitch ist alles vorbereitet, wir sollten beim Meeting am Montag noch mal über die Slides sprechen, aber da schick' ich dir gleich noch ne Mail zu. … Ja, danke. Dir auch.“

Juliane lächelt entschuldigend, als sie auflegt. Fachfremde verstehen bei der Menge an branchentypischen englischen Begriffen erst einmal nur Bahnhof. „Die Arbeit..., sorry.“ Diese lässt sie nur selten los. Lange und ungewöhnliche Arbeitszeiten sind - gerade in Zeiten vor einem Pitch, das heißt vor einem Wettbewerb um den Werbeetat eines Kunden - nichts Ungewöhnliches.

Man sieht ihr die Strapazen der vergangenen Woche an. Leichte Schatten zeigen sich unter den blaugrauen Augen. Zwei Konzepte in noch nicht einmal 72 Stunden zu erarbeiten, hinterlässt selbst bei einem Arbeitstier wie Juliane Spuren.

Doch als die 26-Jährige anfängt zu erzählen, scheint all dies vergessen. Ihre Augen beginnen zu strahlen: „Ich habe die Chance herumzuspinnen und unendlich kreativ zu sein. Kein Tag ist wie der andere. Du musst dich immer wieder auf neue Kunden und ihre Vorstellungen einstellen“, sprudelt es aus ihr heraus. Nebenbei hantiert sie wie selbstverständlich an ihrem Telefon, trägt Termine ein, beantwortet eintreffende E-Mails und aktualisiert ihren Twitterstatus. „Ich bin permanent vernetzt“, sagt Juliane, darauf angesprochen, kichernd über sich selbst.

Bei Anruf Job - Netzwerken als Jobchance

Dass Vitamin B in der Branche nicht schaden kann, zeigt auch ihr beruflicher Werdegang. Juliane ist bereits seit einigen Jahren im Werbegeschäft unterwegs. Durch einen Bekannten bewarb sie sich für ein Praktikum in einer kleinen Berliner Printagentur. Zum Kaffee kochen blieb hier jedoch keine Zeit. Vielmehr ging Juliane völlig in der Arbeit auf und jobbte anschließend in der Agentur als Projektmanagerin, bevor sie anfing, Medienmanagement zu studieren.

„Vitamin B ist nicht alles, aber sich zu vernetzen hilft immer“, resümiert sie ihren Werdegang. So kam es ihr auch nach dem Studium zu Gute, dass sie sich während der drei Jahre ein breites Netzwerk aufgebaut hatte: „Zwei Bekannte von mir wurden gefragt, ob sie jemanden kennen, der sich mit Sozialen Medien auskennt. Beide nannten, unabhängig voneinander, meinen Namen. Wenig später kam der Anruf von meinem jetzigen Chef.“

Konservatives Denken ist ein No-Go


Bis eine fertige Werbung in der Stadt
hängt, braucht Juliane viel Durchhalte-
vermögen. Foto: pixelio.de

Die Büroräume sind hell und lichtdurchflutet. Kleine Arbeitsinseln wechseln sich mit verglasten Kleinraumbüros auf über drei Stockwerken ab. An einer dieser Inseln sitzt Juliane, eingekreist zwischen Rechnern und einem Berg an Post-It-Zetteln, der den Namen Kunstwerk wirklich verdient. „Morgens werden Arbeitsaufträge verteilt und Treffen veranstaltet“, erklärt sie ihren Tagesablauf. „Ab mittags wird konzentriert an den Projekten gearbeitet.“

Klassischerweise werden in diesen so genannten „Kick-Off-Meetings“ erste gemeinsame Ideen gesammelt: Brainstorming nennt sich das im Fachjargon. Die eigentliche Kommunikationsstrategie wird in Zweier- bis Dreier-Teams erarbeitet. Wissen, Expertise und unterschiedliche kreative Ansätze treffen hier aufeinander. Die eigentliche Entscheidung - für oder gegen ein Konzept - wird jedoch wieder in der Gruppe getroffen.

Durchhaltevermögen gehört dabei für Juliane zu den wichtigsten Eigenschaften, um langfristig in dieser Branche zu bestehen. Sie spricht dabei aus Erfahrung. Innerhalb von anderthalb Jahren ist sie zu einem sogenannten Strategic Concept Developer aufgestiegen.

Ein wirkliches Ausschlusskriterium gibt es für diesen Job nicht. Wer dafür brennt, der setzt sich auch durch. „Aber mit konservativem Denken kommt man nicht weit“, meint Juliane. „Wenn dir die Fähigkeit fehlt, über den Tellerrand zu schauen, dann fehlt dir auch die Fähigkeit, dich auf Neues einzulassen.“

Work-Life-Balance und andere Überlebenstipps

„Ich war immer von Werbung fasziniert. Als junge Erwachsene sah ich einen Werbespot für ein Auto, der mir auch heute noch einfach nur Gänsehaut macht.“ Juliane lässt es sich an dieser Stelle nicht nehmen, das Video auf ihrem Smartphone abzuspielen. „Dass ich tatsächlich mal mein Geld in diesem Bereich verdiene, hätte ich nicht gedacht.“

Augenzwinkernd läuft sie die geländerlose Stahltreppe im hinteren Bürokomplex nach oben. Auf der holzvertäfelten Dachterrasse spannt sich ein Sonnensegel, Latte Macchiato trinkend sind hier einige Kollegen ins Gespräch vertieft. Juliane selbst bleibt am Rand des Daches stehen und lässt den Blick schweifen: Über den Fernsehturm, das rote Rathaus bis hin zum Potsdamer Platz: „Du lernst, auf deinen Körper zu achten. Dir ein gewisses Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben  aufzubauen, das heißt, deine zugegebenermaßen rar gesäte Freizeit in vollen Zügen zu genießen und richtig Wert zu schätzen.“

Juliane lacht viel, während sie spricht. Erst als das Gespräch auf die Manipulationsmöglichkeiten von Werbung kommt, wird sie plötzlich ernst. „Typische Vorurteile“, schimpft sie und gestikuliert plötzlich etwas heftiger: „Ich glaube an den aufgeklärten und mündigen Menschen nach Kant.“

Werbeformen, bei der der Absender nicht unbedingt genannt oder bekannt ist,  sieht aber auch Juliane „kritisch“. „Das kann natürlich manipulativ sein, wenn es subversiv ist und die Marke hinter der Maßnahme nicht genannt wird.“, gerade aus diesem Grund ist Juliane für eine klare Kommunikation und Nennung: „Natürlich versuchen wir mit unserer Arbeit, auf unsere Kunden aufmerksam zu machen. Unsere Maßnahmen sollen wahrgenommen werden. Die Facetten der Marke besonders kommuniziert werden, aber eben nicht um jeden Preis.“

Etwas trotzig fügt sie noch hinzu: „Wer glaubt, dass „Weißer Riese“ wirklich weißer wäscht, der hat ein Realitätsproblem!“

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