Verwirrend oder kulturell wertvoll? Moritz und Christoph sind sich uneinig. Während Moritz die Vielfältigkeit der deutschen Sprache schätzt, empfindet Christoph Schwäbisch, Bayerisch und Fränkisch als viel zu umständlich. Deutsch ist deutsch oder nicht?

Pro: Moritz

Wir können alles außer Hochdeutsch! Baden-Württemberg ist unglaublich stolz auf seinen Dialekt. Zu Recht! Damit sind die Probleme aber programmiert: Auswärtige verstehen oft nur Bahnhof, obwohl sich der Dialekt-Sprecher zumindest um einige Sätze Hochdeutsch bemüht.

Im Internet hingegen haben die Dialekte längst Kultstatus erreicht: Ganze Hollywood-Filme wurden von begeisterten Dialekt-Sprechern synchronisiert. Star Wars op kölsch oder auf schwäbisch. Auch Asterix-Bände gibt es in verschiedenen Dialekten. Wer hätte das gedacht?

Dialekt zu sprechen kann nicht nur unglaublich viel Spaß machen, sondern fördert auch die Intelligenz. Forscher an der Uni Basel haben herausgefunden, dass Dialekt-Sprecher wesentlich leichter eine zweite Fremdsprache lernen können.

Während in Bayern und Baden-Württemberg der Dialekt gepflegt wird, ist er in Norddeutschland teilweise schon ausgestorben. Manch einer munkelt da, der Dialekt habe einen großen Anteil am wirtschaftlichen und bildungspolitischen Erfolg des Südens.

Jedenfalls stärkt der Dialekt die regionale Identität. Er verbindet die Menschen auf seine ganz eigene Art und Weise. Die Dialekte bereichern uns also um ein wichtiges Kulturgut: Egal ob im Internet oder Offline. Ohne sie wären viele Feste und Bräuche sicherlich längst ausgestorben.  

Der Dialekt ist aber auch charakterprägend. Er ist die Sprache, in der sich schon kleine Kinder mit ihren Freunden, ihrer Familie oder mit ihren Lehrern unterhalten. Er schenkt Geborgenheit und bedeutet ein Stück Heimat. Denkt man nämlich an seine Heimat, so kommt einem der Dialekt häufig als erstes in den Sinn.

Zwar schämen sich viele Mundart-Sprecher für Ihren Dialekt. Sächsisch zum Beispiel gilt gemeinhin als unbeliebtester Dialekt. Das sah aber zu Zeiten von Goethe und Schiller ganz anders aus. Sächsisch war damals sehr angesehen und galt als wohlklingend. Es liegt also alles ganz im Ohr des Zuhörers.

Contra: Christoph

„Hawediäre!“, „Däach!“ oder „Moin!“ – drei Varianten, ein Gruß. So wünscht man sich auf Bayerisch, Sächsisch und Ostfriesisch „Guten Tag“. Wenn schon bei einem der gängigsten Grußworte solch große Unterschiede bestehen, kann man sich schnell ausmalen, wie das erst bei einer normalen Konversation in den jeweiligen Dialekten aussieht.

Dann entwickelt sich der Dialekt zu einer eigenen, regionalen Sprache, von der all jene ausgeschlossen werden, die diese nicht verstehen. Somit kann es leicht vorkommen, dass sich ein Norddeutscher bei einem Besuch in Bayern sehr schnell ausgegrenzt fühlt, weil er durch den Dialekt nur wenig versteht. Das gleiche könnte ihm aber auch in anderen Regionen passieren, etwa im Schwabenland, in der Pfalz oder in Sachsen.

Und wenn sich schon ein Deutscher nur schwer mit seinen Landsleuten unterhalten kann, wie soll es da erst einem Ausländer ergehen? Die Touristennation Deutschland tut mit ihren vielen regionalen Dialekten Urlaubsgästen aus dem Ausland sicherlich keinen Gefallen.

Mit einer einheitlichen dialektfreien Landessprache hingegen wäre nicht nur ausländischen Gästen geholfen, sondern  es könnte auch ein innerdeutsches Gemeinschaftsgefühl gefördert werden. Denn wie oft kommt es vor, dass sich jemand aufgrund eines Dialekts nur einem bestimmten Teil von Deutschland zuordnet oder deswegen lediglich auf eine bestimmte Region reduziert wird?

Solch eine Uniformität der Sprache würde aber noch weitere Vorteile mit sich bringen: Die Dialekte werden von der Bevölkerung unterschiedlich wahrgenommen und letztendlich auch unterschiedlich beurteilt. Bayerisch und schwäbisch etwa gelten als gemütlich, während sächsisch und ostfriesisch häufig als ungebildet, naiv und dumm gebrandmarkt werden. Das deckt sich mit den altbekannten Ostfriesen-Witzen, bei denen den Bewohnern dieser niedersächsischen Region die genannten Eigenschaften zugeordnet werden.
Folglich werden den Rednern dieser Dialekte stereotypisch die jeweiligen Adjektive zugeschrieben. Dabei ist es doch äußerst ungerecht, Personen lediglich wegen ihres Dialekts vorzuverurteilen.

 

Kommentare

Aufgewachsen bin ich mit der Kölsche Sprache, aber mit dem Verbot, sie selbst zu benutzen, solange ich nicht das Hochdeutsche beherrsche. Wenn ich erwachsen sei, hieß es, könne ich meine "Schnüss"gebrauchen, wie ich wolle. Fand ich ziemlich ambivalent, aber mittlerweile auch nicht so verkehrt. Hück kann isch mit minger Mamm dr Lapp schwade, bis et hell weed! Dialekt ist ein Teil unserer Herkunft, ein Stück Identität. Ich kann noch so gestelzt Hochdeutsch daherreden, in Lübeck oder in Rosenheim wissen die Menschen sofort, aus welcher Region ich komme, denn es färbt auch die Hochsprache und mir gefällt das. Ich liebe Dialekte und erfreue mich an Parallellen, Gemeinsamkeiten, sprachhistorischer Herkunft, manchmal auch Gegensätzlichkeiten, die von lustig bis peinlich alles hergeben, wie z.B. "Fisemantenten", was in vielen Regionen ein Wort für Unannehmlichkeiten bedeutet, sei es aus dem Lateinischen "visae patentes", was dann in Verspottung des Bürokratischen zum Begriff für unnötige Schwierigkeiten wurde (Adam Wrede, Neuer Kölscher Sprachschatz), oder die Aufforderung französischer Besatzungssoldaten an Kölner Mädchen, die Verpflegung vorbei brachten: "Visite ma tente", was nicht selten zur Folge hatte, dass die jungen Damen mit vorehelichem Nachwuchs gesegnet wurden. Wenn meine Mutter mich in den 80ger Jahren in die Disco entließ und mich ermahnte, keine Fisematenten zu machen,hat sie genau das gemeint! Mein Lieblingswort ist "Tütenüggel", das ist jemand, der unentwegt unnützes Zeug redet, sabbelt, seivert, wie man im Kölschen sagt (Seiverlappe). Es stammt aus einer Zeit, in der wir alle noch nicht geboren waren, als Babies keine Gummischnuller hatten, sondern mit Zucker gefüllte Stofftüten, an denen sie ´rumsabbeln konnten, damit sie still waren (was die so betitelten ja in der Regel nicht tun...).Es gibt unendlich viele solcher Beispiele und ich hoffe, ich konnte ein bisschen Sympathie wecken für die Dialekte in diesem Land. Ich finde sie wichtig und egal, wo ich bin, ich verstehe sie, man kann das, wenn man hinhört. Maat et joot, Sonja

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