Nach der Wiedervereinigung gab es plötzlich nicht nur ein politisch geeintes Land, sondern auch Menschen, die erst wieder zusammenfinden mussten. Alex aus Magdeburg und Sonja aus Lüneburg sind heute ein Paar und erzählen, wie die Wiedervereinigung ihr Leben und Lieben beeinflusst.
„Kennengelernt haben wir uns über viele Ecken während des Halbfinalspiels der Fußball-WM 2010“, erzählen die beiden. Sonja habe von einer Freundin erfahren, dass Alex hobbymäßig fotografiert „und das hat mich interessiert“. Dass er in der DDR geboren und aufgewachsen ist, habe sie zu dieser Zeit nicht gewusst. „Ich glaube, das spielt in unserer Beziehung auch keine Rolle.
Als ich davon erfuhr, war ich trotzdem neugierig und habe ihn zunächst genauer beobachtet: ob er vielleicht eine andere Wortwahl hätte oder einen besonderen Dialekt. Ich fand aber nichts davon, zumindest nichts Auffälliges. Alex hat unabhängig von seiner Herkunft so eine besondere Art, sie wird keinem Stereotyp gerecht.“
Dennoch hat die damalige Zeit Alex geprägt, schließlich hat er 16 Jahre lang in diesem System gelebt. „Ich habe eine starke Abneigung gegen fast alles, was auch nur entfernt nach Sozialismus, Denkverbot und Fremdbestimmung klingt. Und ich mag grobschlächtige Kunstobjekte nicht, die aussehen wie verordnete Arbeiterkunst.“ Sonja hat nur wenig von der Teilung mitbekommen. Sie war erst neun Jahre alt als die Mauer fiel. „Aber ich erinnere mich an die Bilder im Fernsehen. Außerdem bin ich mit meinen Eltern sehr bald nach der Grenzöffnung auf die ‚andere Seite‘, nach Schwerin, gefahren. Sie wollten sich ein Bild vom Leben dort machen.“ Drüben angekommen fand Sonja Fremdland vor sich: „Es sah alles unfassbar anders aus, als ich es gewohnt war. Kaputte Straßen, kaputte graue Häuser. Damals war es überdeutlich zu spüren, dass es ein anderes Land war.“
Manche Erlebnisse bedürfen einer Erklärung
Nach 20 Jahren Gesamtrepublik glauben die beiden, dass die unterschiedliche Herkunft keine direkten Auswirkungen auf ihren Alltag hat, aber es wird darüber gesprochen. Alex erzählt zum Beispiel gern aus seiner Schulzeit. „Dazu gehört auch die Pionierzeit. Das bedarf dann hier und da einer kleinen Erklärung.“ Viel interessanter seien jedoch die Erlebnisse direkt nach der Wende, wo in Ostdeutschland so viel Bewegung war wie nie zuvor: „Das war eine unheimlich spannende Zeit. Viele Leute haben einfach Neues gemacht, Sachen probiert, sind viel gereist. Das gibt es heute nicht mehr, die Aufbruchsstimmung ist dahin. Ich finde das schade. Und Sonja hat nie so eine Zeit erlebt, da ist ihr wirklich was entgangen.“
„Ich weiß nicht mehr viel von der Zeit um die Wende. Mein Vater hat mir mal erzählt, dass es schwierig war, ein gebrauchtes Auto zu kaufen, weil der Markt total leergefegt war.“, meint Sonja. Alex kann solche Geschichten aus eigener Erfahrung bestätigen.
„Ich bin am zweiten Tag nach der Wende auch nicht zur Schule gegangen, sondern mit meinem Lieblingsonkel in den Westen gefahren. Allerdings nur zu Besuch. In den kommenden Tagen und Wochen sind viele Leute abgehauen. Das war komisch.“
Dass dies aber nur der Anfang einer Wiedervereinigung war und der Annäherungsprozess auch heute nicht komplett beendet ist, darin sind sich beide einig. „Es waren so viele Menschen von der Wiedervereinigung betroffen, dass es noch mehrere Generationen braucht, bis das Miteinander ganz selbstverständlich wird“, erklärt Sonja. Dabei muss man nur an die Auswahl der Uni denken: Noch immer wird viel über das Studium im Osten diskutiert. Billiger sei es, aber manche fürchten eine schlechtere Ausbildung – obwohl ostdeutsche Unis auf der Überholspur sind. „Meiner Meinung nach würde sich der Prozess beschleunigen und vereinfachen, wenn die Menschen weniger auf die Unterschiede als auf die Gemeinsamkeiten achten würden. Auf Eigenschaften, die uns verbinden.“
Arrogante Wessis und faule Ossis
So erzählt Alex, dass ihm Diskriminierungen aufgrund seiner Herkunft nicht fremd seien. „Manche Westdeutsche glauben, dass Ostdeutsche fauler sind. Andersrum gibt es Ostdeutsche, die glauben, Westdeutsche seien arrogant und behandeln sie deswegen schlecht.“ Sonja kennt in der Hinsicht keine Vorurteile: „Ich gehe mit Alex auch nicht anders um, nur weil er aus dem Osten kommt. Herkunft sollte allgemein kein Hinderungsgrund für eine Partnerschaft darstellen. Was die Wiedervereinigung betrifft, fühlt es sich für mich heute an, als wäre das Land schon immer eins gewesen.“
Was von der Zeit vor der Wiedervereinigung bleibt, sind also vor allem Erinnerungen. „Als ich mit 16 aus familiären Gründen nach Braunschweig gezogen bin, merkten alle sofort, dass ich aus dem Osten kam, obwohl mein Dialekt nicht so stark ausgeprägt war“, erzählt Alex. Die meisten hätten darauf positiv reagiert, weil sie so die Wiedervereinigung tatsächlich gespürt haben. „Wenige Jahre später – ich habe in Bremen gelebt – war ich in Magdeburg zu Besuch. Und als ich an einem Kiosk Zigaretten kaufte, fragten mich die Leute, ob ich aus Hamburg käme. Wegen meines Dialekts. Sie waren sehr überrascht, als ich sie aufklärte, sahen es aber nicht so eng. Immerhin hat die Stadt damals fast ein Drittel ihrer Einwohner verloren. Ich stellte mir dann aber schon die Frage, ob ich nicht mehr in Magdeburg zuhause war. Da wurde mir bewusst: Das Land, aus dem ich komme, gab es ja gar nicht mehr.“




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