Die 17-jährige Kroko könnte glatt als Engel durchgehen: Lange blonde Haare, zierliche Figur. Doch da sind ja noch die aggressiv funkelnden Pupillen und die herunter hängenden Mundwinkel. Diese bewegen sich im Takt des Kaugummikauens und zischen jede erdenkliche Beleidigung heraus: „Halt’s Maul“ und „Verpiss dich, du Pissnelke“ gehören dabei noch zu den harmloseren Verbalattacken.
Krokos Welt besteht aus Klauen, Gewalt und einer Clique, die Krokos „Hobbies“ mit ihr teilt. Nur gut, dass ihre „Freunde“ nicht wissen, dass ausgerechnet die Härteste unter ihnen nachts ein Schmusekrokodil im Arm hält – nach dem sich Kroko, die eigentlich Julia heißt, sogar benannt hat.
Krokos kleines Universum besteht aus Berlin-Wedding, bunten Graffitis und knalligem Make-up. Aber diese Welt bleibt nicht lange grell. Eine Spritztour endet mit einem angefahrenen Radfahrer und Kroko muss als Strafe zu den „Spastis“, wie sie es nennt: Sozialstunden ableisten in einem Behindertenheim.
Kroko ist schnell ernüchtert: Pierre, der unter dem Down Syndrom leidet, verwechselt ihre Jacke mit einer Katze, Thomas, ein Typ im Rolli, hört sich seine Magengeräusche auf Tonband an und der Betreuer alias „Birkenstockkiffer“ geht schon gar nicht.
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Doch nach und nach merkt Kroko: Die „Behindis“ bieten ihr etwas, was sie von den „Normalos“ nicht bekommt. Auf einen Ausflug der Gruppe kommt sie sogar freiwillig mit. Dass sich Epilepsie nicht mit Alkohol verträgt, erfährt sie allerdings erst bei einer nächtlichen Tour mit Thomas. Der Alkohol kostet Thomas fast das Leben. Kroko reagiert, wie sie es eben gelernt hat: Sie flüchtet zurück in ihr altes Leben.
Doch niemand wartet mehr auf sie: Ihre Clique wendet sich ab, mit ihrem Schläger-Freund ist Schluss und sogar ihre Mutter will nichts mehr von ihr wissen. Krokos Weg führt sie ausgerechnet zurück zum „Birkenstock-Trottel“ und seinen „Behindis“. Schließlich verabschiedet sich Kroko sogar von ihrem Plüschkrokodil – einem Symbol ihrer Vergangenheit.
Ihre Zukunft bleibt ungewiss. Als Beifahrerin – denn Kroko ist nicht mehr allein – fährt sie jetzt neben ihrem Kumpel Rolle durch die Berliner Nacht. Rolle gehört genau wie sie nicht mehr zur alten Clique, denn er macht jetzt „diese Ausbildungskacke“. Auch wenn er jetzt nicht mehr so „cool“ ist wie früher, vor Fahrtwind schützt sein breites Kreuz allemal.
„Kroko“ von Sylke Enders erhebt nicht den Anspruch, Kunstfilm zu sein. „Kroko“, das ist ein Film über ein Ghetto-Mädchen, das eigentlich niemandem helfen will und dessen Welt von so was wie „sozialem Engagement“ zunächst so weit entfernt ist, wie Pur von Metallica. Ein Film über eine junge Frau, die lernt, dass Helfen letztlich auch einem selber hilft. „Kroko“, das sind 92 Minuten Sozialrealismus in krassester Form - und jede Minute ist sehenswert.
Sylke Enders, „Kroko“
(Ventura Film GmbH, DVD: 17,99 Euro)






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