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Junge Lösungen für weltpolitische Probleme
Jugendliche simulieren den G8-Gipfel in Berlin.
Die deutsche Bundeswirtschaftsministerin Lis Strenger ist erschöpft. Die Verhandlungen seit den frühen Morgenstunden waren anstrengend. Und so schlägt sie den G8-Ministern eine Pause vor. Zum Ausruhen kommt sie trotzdem nicht - beim Lunch will sich Lis mit dem amerikanischen Wirtschaftsminister zusammensetzen, um einen Kompromiss auszuhandeln.
In diesem Jahr richten sich die Augen der Weltöffentlichkeit auf Deutschland. Die Bundesrepublik hat nicht nur die EU-Ratspräsidentschaft inne, sondern ist auch Gastgeberland für das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen, kurz G8.
Tragfähige Lösungen
Lis Strenger führt ihre Verhandlungen mit Amerika, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Russland und den USA jedoch nicht in Heiligendamm, sondern mitten in Berlin. Die BWL-Studentin ist eine von 72 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des "Model G8 Youth Summit", die im Rahmen eines Essaywettbewerbs von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Vier Tage lang tagt sie mit anderen politisch interessierten Studierenden aus der ganzen Welt in der Hertie School of Governance. Ihr gemeinsames Ziel ist kein geringeres, als tragfähige Lösungen für die aktuellen weltpolitischen Probleme zu finden.
Licht ins Dunkel bringen
Veranstaltet wird die Konferenz von der studentischen Kommunikationsagentur "Politikfabrik" in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Tamara Morales, Mitarbeiterin der "Politikfabrik" und Projektleiterin des "Model G8 Youth Summit", will mit der Veranstaltung "diese Blackbox G8 etwas öffnen. Es wird immer kritisiert, dass der Gipfel zu wenig transparent sei - unser Planspiel wirkt dagegen." Trotzdem kann in Berlin nicht alles so umgesetzt werden, wie es das große Vorbild vorgibt. So treffen sich beim Gipfel in Heiligendamm schon alle Verantwortlichen im Vorfeld. Bei der Simulation bleiben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nur drei Tage für die Verhandlungen. Die berühmten Kamingespräche jenseits der Debatten finden jedoch auch hier statt. "Bei uns wird nicht nur in den Verhandlungsrunden gearbeitet, sondern auch auf dem Flur, beim Essen und abends beim Feiern", erklärt Tamara Morales.
Die Projektleiterin ist vom Engagement der jungen Leute begeistert: "Am ersten Abend, als die Teilnehmer mit Jet-Lag ankamen, sind sie nicht etwa schlafen gegangen. Sie haben sofort mit den Gesprächen angefangen." Wie bei den Großen Acht Auch Lis Strenger ist von der Simulation angetan: "Um so länger das Spiel dauert, desto mehr schlüpfen wir in unsere Rollen." Während der Konferenz haben die jungen Leute die Möglichkeit, ihr Land als Staatschefin oder Staatschef beziehungsweise als Ressortministerin oder Ressortminister zu vertreten. Wirtschaftsministerin Lis hat als Mitglied der deutschen Delegation die Führung und Moderation in den Ministerrunden übernommen. Ihr Thema: Intellectual Property Rights, also Rechte am geistigen Eigentum. Gemeinsam mit acht G8-Ministern und vier "Observern" aus Brasilien, China, Indien und Südafrika sitzt die 21-Jährige drei Tage lang an einem Verhandlungstisch.
Genau wie beim richtigen Gipfel in Heiligendamm geht es auch in Berlin um den Schutz von Innovationen gegen Produkt- und Markenpiraterie. Die Agenda der Simulation orientiert sich auch in den anderen Ministerrunden an den Themen der G8: Die Repräsentantinnen und Repräsentanten der Wirtschafts-, Finanz-, Außen-, Verteidigungs-, Umwelt- und Entwicklungspolitik diskutieren über künftige Energieversorgung, Fragen des internationalen Umweltschutzes, der Armutsbekämpfung und des Terrorismus.
Diplomatische Prozesse hautnah
In den Verhandlungen sollen die Studierenden Praxiserfahrungen sammeln, diplomatische Prozesse kennen lernen und Verhandlungsstrategien ausprobieren. Vor allem aber sollen sie den echten Gipfel nachempfinden. Lis hat die Erfahrung gemacht, dass es schwer sein kann, einen Kompromiss zu finden, den alle Nationen tragen können. "Ich kann mir mittlerweile sehr gut vorstellen, wie anstrengend und mühselig die Arbeit in der Politik ist. Es dauert lange, einen Konsens mit konkreten Ergebnissen zu erreichen", erzählt sie. "Als es um gefälschte Medikamente ging, gab es in unserer Runde sehr gegensätzliche Positionen. Die einen meinten, auch bei Medikamenten müssen die Intellectual Property Rights gewahrt bleiben, denn gefälschte Produkte können lebensgefährlich sein. Die andere Seite plädierte jedoch dafür, bei Afrika eine Ausnahme zu machen, denn für die Menschen dort sind Originalprodukte meistens nicht bezahlbar." Nach ihrer Diskussion mit dem amerikanischen Wirtschaftsminister trifft sich Lis mit ihrer Studienkollegin Caroline Blomeyer. Beide hatten über ihre Fachschaft von der Simulation erfahren und beschlossen, gemeinsam nach Berlin zu fahren.
Nun ist Caroline Finanzministerin und beschäftigt sich mit Global Imbalances, also globalen Ungleichgewichten und Hedge Fonds. Auch sie ist von der Veranstaltung begeistert: "Ich habe sehr interessante, intelligente Menschen kennen gelernt. Und ich bin wirklich überrascht, auf welch hohem Niveau diese Veranstaltung abläuft. Wir haben in drei Tagen ein komplettes Communiqué zu allen Themen des G8-Gipfels erarbeitet."
Communiqué für Heiligendamm
Das Communiqué wird im Anschluss an die Veranstaltung an den deutschen Sherpa, den mit der Vorbereitung des Gipfeltreffens betrauten Regierungsbeamten, Bernd Pfaffenbach, übergeben. "Wir werden ihn eindringlich bitten, das Papier nicht nur an die deutschen, sondern auch die anderen Regierungsvertreter weiter zu reichen. Pfaffenbach als Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministers kann das Communiqué außerdem seinem Ministerium übergeben", so Projektleiterin Tamara. Im nächsten Jahr wird die japanische Delegation der Keio University Tokyo die Vorbereitung des G8-Jugendgipfels übernehmen. Auch Lis will wieder mit dabei sein: "Ich werde mich auf jeden Fall wieder bewerben. Ich habe an diesem Wochenende nicht nur Verhandlungsstrategien gelernt und Einblicke in die G8-Strukturen gewonnen. Ich habe mich vor allem auch mit spannenden Menschen aus der ganzen Welt ausgetauscht."
Daniela Uhrich, 22 Jahre alt, studiert Politikwissenschaft in Würzburg










