Mit der Kirche im Gespräch? Wie religiös sind Jugendliche? Foto: Frank Grätz

„Früher, ja da glaubten wir noch an Gott“. So oder so ähnlich hören viele ihre Großeltern reden, wenn die sich an früher erinnern. Sonntags ging es in die Kirche, am Mittagstisch wurde gebetet. Für viele war das normal. Haben wir mit der Kirche nichts mehr am Hut? Und was sagt das über unsere Religiosität aus?

 

25 Prozent der deutschen Jugendlichen gehören keiner Religionsgemeinschaft an. So steht es in der Shell-Jugendstudie 2010, wofür Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt wurden. Jeder vierte Jugendliche hat demzufolge mit den Kirchen in Deutschland nichts am Hut. Der Beweis für eine mehrheitlich nichtreligiöse Jugend ist das nicht.

Die Anhängerschaft der evangelischen sowie der römisch-katholischen Kirche waren in derselben Studie mit 34 beziehungsweise 30 Prozent vertreten. Der Islam wird als drittgrößte Religionsgemeinschaft mit etwa fünf Prozent erwähnt. Trotzdem: Diese Studie sagt uns nicht, wie viele der Jugendlichen wirklich religiös sind.

Ist es nicht möglich, dass einige der 25 Prozent Atheisten doch nicht ganz ungläubig sind? Und könnten nicht andererseits manche von denen, die sich zu einer Religionsgemeinschaft zählen, nur sogenannte „Karteileichen“ sein? Also eingetragen, getauft, aber trotzdem nicht gläubig, weit entfernt vom Kirchenbesuch am Sonntag?
 

An etwas zu glauben ist „in“

In der Shell-Jugendstudie waren immerhin über die Hälfte der befragten Jugendlichen der Meinung, dass es „in“ sei, an etwas zu glauben. Dies beweisen nicht zuletzt auch die vielen jungen Teilnehmer an den Kirchentagen. Ob ökumenischer Kirchentag, Katholikentag, oder evangelische Kirchentage, wenn diese Großereignisse anstehen, treffen sich Tausende von Menschen. Sie beten, diskutieren und engagieren sich für ihren Glauben. Ein Phänomen, während es doch Mode geworden ist, vom nachlassenden Religionsinteresse junger Menschen zu sprechen.

Allerdings sprechen Kritiker solcher Kirchen-Großveranstaltungen den meisten Teilnehmern besonders großes religiöses Interesse ab. Stattdessen wird der Festivalcharakter als Grund für den Ansturm herangezogen. Aber hatte Religion nicht schon immer und aus nachvollziehbaren Gründen auch etwas mit Zusammenkommen zu tun? Oder glaube ich erst, wenn ich im stillen Kämmerlein das Wort Gottes hoch und runter lese? Mit Sicherheit lässt sich zumindest sagen, dass die Besucher von Kirchentagen nicht über einen religiösen Kamm geschoren werden können. Manche mögen wegen des Events kommen, manche wegen tiefer Spiritualität.

Was ist denn eigentlich Religion? Wann kann ich sagen, dass ich gläubig bin? Allgemein versteht man doch darunter, dass man sich an etwas Übersinnlich-Göttliches gebunden fühlt. Häufig geht Religion einher mit kultureller und ritueller Glaubenspflege. Also auch mit Zusammenkommen: Während Christen wöchentlich in die Kirche gehen oder Weihnachten feiern, gehen Muslime in die Moschee und feiern ihr Opferfest.
 

Bewusste Distanz zur Institution Kirche

Neben den traditionellen Konfessionen (zum Beispiel der römisch-katholischen oder evangelischen, moslemischen oder jüdischen) gibt es auch andere spirituelle Denk- und Glaubensrichtungen. Oft distanzieren sich junge Menschen ausdrücklich von der traditionellen Kirche, glauben aber dennoch an ein Leben nach dem Tod.

Nicht selten flicken Jugendliche sich ihre eigene Religion zusammen, indem sie verschiedene religiöse Richtungen oder Anschauungen vermischen. „Irgendwie haben doch alle Religionen recht, irgendwie sagen doch alle das Gleiche, ob sie Gott nun Allah oder Buddha oder anders nennen“, meint Sozialwissenschaftler Heiner Barz dazu. Er stellt aber generell auch eine wachsende Abkehr vom Glauben bei uns fest: „Die westliche Welt hat alles, was sie braucht, und deshalb verlieren wir den Glauben.“ Das ist gewiss einer der Gründe, warum sich Jugendliche heute seltener als religiös bezeichnen.
 

Keine neue religiöse Jugendbewegung

Ob nun Jugendliche tatsächlich weniger gläubig sind als früher, oder ob sich die Gläubigkeit verändert, das lässt sich nur schwer sagen. Aber sicher ist: Auch wenn die Zugehörigkeit zu den Glaubensgemeinschaften noch nichts über die Religiosität insgesamt aussagt, so kann man dennoch nicht von einer neuen großen religiösen Jugendbewegung sprechen. Der Jugendforscher Norbert Copray sagt: „Wider alle Rede von neuen religiösen Strömungen, die auch eine neue Offenheit für die Antworten christlicher Tradition erwarten ließ, gibt es keine generelle religiöse Stimmungslage unter jungen Menschen.“

Nach wie vor gilt, dass Glaube eine Angelegenheit ist, die jeder für sich selbst bestimmt. So war es früher und so ist es heute.

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