Wer Gewissensbisse hat, kann sich ruhigen Gewissens an Dr. Erlinger wenden. Cover: Süddeutsche Zeitung

Seit 2002 beantwortet Dr. Dr. Rainer Erlinger im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ die moralischen Alltagsfragen seiner Leser. In seinem Buch „Gewissensfragen“ widmet er sich nun allen unbeantworteten Leserbriefen.

Wo andere bloß den Kopf schütteln, weiß Erlinger Rat

Eine Mutter, die nicht weiß, ob sie mit den Süßigkeiten ihres etwas zu properen Sohnes jemand anderem eine Freude bereiten sollte oder ihn womöglich in die Fettsucht treiben könnte. Ein hungriger Mann, den sein schlechtes Gewissen über ein gemopstes Hotelbrötchen plagt. Ein Ethik-Grundkurs, der über den erlaubten Erdbeerkonsum auf einem Erdbeerfeld zum Selberpflücken diskutiert. All jenen von moralischer Ungewissheit geplagten Seelen widmet Erlinger in zwölf Kapiteln sowohl Gehör als auch witzige, aber immer aufrichtige und sorgsam abgewägte Antworten.

Mit Niveau und Witz zur Lösung des Problems

Natürlich bewahrt Erlinger durchgehend eine seinem Status als Rechtsanwalt und Publizist entsprechende niveauvolle Sprache. Aber ein pfiffiger Unterton an so mancher Stelle lässt das Buch keinesfalls steif und den Autor sympathisch erscheinen. Sowohl die Ernsthaftigkeit, die Erlinger jeder noch so abstrusen Frage widmet, als auch sein Einfühlungsvermögen dem Leser gegenüber, sind beachtlich.

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Und obwohl es auf den ersten Blick hirnrissig scheint, sich den Kopf über geplatzte hartgekochte Eier und Müll im Fahrradkörbchen zu zerbrechen, beginnt man - fasziniert von Erlingers unvoreingenommener Herangehensweise an die moralische Alltagsproblematik - selbst über sein Verhalten und den Umgang mit seinen Mitmenschen nachzudenken. Aber das Frühstücksgeschirr der Schwester kann man deshalb trotzdem ruhigen Gewissens mal nicht abräumen.

Rainer Erlinger: „Gewissensfragen“
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, 12,80 €

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