Foto: Nele Fischer

Nele ist als Freiwillige im weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in São Paulo, Brasilien. Dort betreut sie vernachlässigte Kinder.

20 Millionen Mal Vielfalt

São Paulo ist ein Monstrum. Aus jeder Pore der 20- Millionen- Metropole quillt die Vielfalt.

Es herrscht multikulturelle Vielfalt in São Paulo: Stadtteile, in denen Gebäude im Gotikstil neben modernen gläsernen Hochhäusern stehen, und dann die ärmlichen Viertel – Favelas genannt. In der Metropole prallen Armut und Reichtum aufeinander, eine florierende Wirtschafts- und Kulturszene trifft auf Regenwald und Drogensumpf. Der Verkehr ist gefährlich, Fußgänger sind chancenlos, Ampeln sieht man kaum. Täglich gibt es massenhaft Unfälle und Verkehrstote - und Staus, die man angeblich sogar aus dem Weltall sehen kann.

São Paulo ist nicht schön. Es hat mich erschlagen am Anfang. Trotzdem fasziniert mich diese Stadt, auch wenn ich immer noch nicht die Gleichgültigkeit verstehe, mit der Geschäftsleute im Zentrum über Obdachlose steigen, die auf den Gehwegen liegen und schlafen. Doch ich habe mich an die Stadt gewöhnt, das Monstrum ist mir vertraut – auch wenn es unberechenbar bleibt.

Das Educandario Dom Duarte

Erzieher des Educandario Dom Duarte stehen mit einigen Kindern vor einem Tisch.

Schule, Kindergarten, Jugendbetreuung und Ausbildungsstelle – das Educandario Dom Duarte.

Mein Zuhause ist für ein Jahr das Educandario Dom Duarte, meine Insel im Monstrum São Paulo. An der westlichen Peripherie, also mittendrin und doch am Rand der Stadt, steht die soziale Einrichtung. Unterernährt, geschlagen oder missbraucht, so kommen Kinder in die Heime des Educandario. Sie haben keine Eltern oder welche, die im Knast sitzen, die Alkoholiker oder Junkies sind. Oft missbrauchen Eltern ihre Kinder als Drogenkuriere oder Diebe. Manchmal ist es schwierig für mich, mit den Traumata der Kinder umzugehen. Doch inzwischen haben wir einen Draht gefunden, wir unterhalten uns, machen gemeinsam Hausaufgaben oder basteln. Schwieriger ist es bei den Kindern, die nur tagsüber im Educandario sind, etwa weil sie dort zur Schule gehen. Oft fühle ich mich hilflos, wenn ich merke, dass sie zu Hause hungern oder geschlagen werden. Mit dieser Hilflosigkeit kann ich nur schwer umgehen.

Entfernung mal anders

In São Paulo werden deutsche Vorstellungen von Entfernungen bedeutungslos.

Vom Educandario ins Stadtzentrum zu fahren, heißt eine Stunde im chronisch überfüllten Bus stehen. Kaum einer der reicheren Bewohner des Zentrums weiß, wo „mein“ Stadtteil oder das Educandario liegen. Einmal musste ich sogar einem Taxifahrer aus dem Zentrum den Weg nach Hause erklären. Die Kinder aus meinem Viertel wiederum kennen sich in der Innenstadt nicht aus. Außer sie arbeiten dort, wie Josenilton. Der 16-Jährige aus meinem Heim ist bei BOB´s Burger auf der Avenida Paulista, São Paulos Finanzzentrum, angestellt. Hier frittiert er Pommes, neben dem bedeutendsten Kunstmuseum Lateinamerikas, dem MASP, und dem Trianon Park. Manche der Heimkinder gehen im Zentrum zu Psychotherapien. Der Ausflug in die Stadt lässt besonders bei den Kleinen die Augen jedes Mal groß werden. Ich stehe zwischen diesen Welten, kenne sie beide und doch keine richtig.

Bildung als Ausweg

Ungefähr 50 Kinder des  Educandario Dom Duarte posieren vor einem alten Haus.

Bildung ist der einzige Ausweg aus den Favelas, doch leider ist der vom Kontostand abhängig.

Für ärmere Kinder und Jugendliche, die kein Geld für Privatschulen haben, bleiben nur staatliche Schulen. Doch die Klassen dort sind meist überfüllt. Auf dem Stundenplan stehen Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und ein paar Brocken Englisch – oft auf einfachstem Niveau. Dank deutschem Bildungssystem habe ich zum Teil profunderes Schulwissen als die Erzieher. Deshalb gebe ich Englisch- und Deutschunterricht, helfe den Heimkindern bei den Hausaufgaben und übe mit ihnen Lesen und Schreiben.
Auch über den weiteren Bildungsweg entscheidet das Geld. Denn wer zum Beispiel an der USP, der staatlichen Universität São Paulos, studieren möchte, muss schwere Tests meistern, die allein durch staatliche Schulbildung kaum lösbar sind. An den teuren Privatunis dagegen sind solche Tests reine Formsache.

Kriminalität und Alltag

Die hohe Kriminalität gehört in São Paulo zum Alltag. Es gibt Drogenhandel, Bandenkriege, Prostitution und Überfälle.

Auf Straßen wie der 25 de Março im Zentrum São Paulos blüht der Schwarzmarkt – von Plastikspielzeug bis hin zu neuesten DVDs und Computerprogrammen: Für ein paar Euro kann man alles kaufen – und die Polizei ist meist machtlos. Kriminalität ist hier offensichtlicher als in deutschen Städten. Ich habe Leute Drogen auf der Straße verkaufen und konsumieren sehen, und viele brasilianische Bekannte haben Schusswaffen im Haus. Doch teilweise wird die Kriminalität auch von den Medien und den wohlhabenderen Einwohnern übertrieben. Die Reichen schützen sich und ihre Häuser mit Sicherheitsdiensten und Elektrozäunen. „Wenn du in São Paulo bist“, so sagte mir ein brasilianischer Freund, „dann achte auf drei Dinge: In welcher Gegend du bist, wer hinter dir läuft und auf den Verkehr.“

Das Leben in den Favelas

Dächer am Hang

Das Leben in den Favelas ist weit entfernt von dem im reichen, westlich geprägten Zentrum São Paulos.

Ich wohne in einer der besseren Favelas: Hier findet man vor allem Backsteinhäuser, zwar unverputzt und ärmlich, aber wohnlicher als die gewöhnlichen Hütten aus Holz, Wellblech und Plastiktüten. In der Umgebung gibt es die typischen Garagenläden, kleine Verkaufsräume für Reifen, Putzmittel oder Eis, außerdem ein paar Bars, dazwischen ein Supermarkt und ein Internetcafe. Überall liegt Müll, viele Straßenhunde laufen herum und laute Musik ist zu hören.
Hier wohnen Putzfrauen, Hausmeister und einfache Angestellte. Jeder kennt jeden. Zwei Reals zu wenig? Kein Problem, bringst du das Geld halt morgen vorbei. Eine alte Frau betritt den Bus und sofort bietet ihr jemand einen Sitzplatz an. Die Menschen sind arm, aber herzlich und fragen mich oft über Deutschland aus, zum Beispiel, ob wir auch Strände haben, ob es wirklich so viel kälter ist und ob ich schon mal Schnee gesehen habe. Dennoch: Achtsam sollte man sein. Denn so angenehm die Atmosphäre ist, es kann lebensgefährlich sein, sich mit dem Falschen anzulegen. Banden regieren die Viertel: Eine unbedarfte Beleidigung und es drohen schlimme Konsequenzen.

Fotos: Nele Fischer

Neuen Kommentar schreiben

7 + 7 =
Diese Aufgabe verhindert das automatische Eintragen von SPAM. Die Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben. Z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.