Foto: Peggy Eckert

Alle reden von der guten Bildung in Skandinavien. Peggy, 28, die Angewandte Kindheitswissenschaften studiert, verbrachte das Wintersemester 2008/2009 als Erasmus-Austauschstudentin in Västerås in Schweden. Sie wollte überprüfen, ob dieses Lob auch gerechtfertigt ist.

Freundliche Studenten, IKEA und H&M

Um mir das Bildungswunderland Schweden selbst anzuschauen, packte ich meine Koffer und zog im August für ein Semester gen Norden.

Västerås, die viertgrößte Stadt Schwedens, liegt gleich neben Stockholm. Im Reiseführer hatte ich von einer kleinen verträumten Stadt gelesen. Etwas überrascht war ich dann schon, als ich aus dem Bus stieg. Viel Industrie und jede Menge Shoppingcenter. Zu Hause hatte ich allen erzählt, mein Studienort-auf-Zeit wäre genauso groß wie meine Zweitheimat Stendal. Ich hatte im Reiseführer glatt 100.000 Menschen überlesen. Doch ich gewöhnte mich schnell daran.

In der Empfangshalle der Mälardalen Universität wurden wir von Studenten des International Comittees empfangen. Sie kümmerten sich rührend um uns, brachten uns samt Gepäck zum Wohnheim und erklärten uns den Weg zum Supermarkt. Fast klischeehaft: Schon am ersten Tag besuchten wir IKEA. Schließlich brauchten wir in unserem Wohnheim auch ein paar Decken, Tassen und Töpfe. Neben dem obligatorischen Möbelhaus gibt es in der Stadt noch eine andere wichtige Einkaufsadresse: die erste H&M-Filiale der Welt.

Um die Ecke: Stockholm

Eine Gasse in Stockholms Altstadt.

Västerås liegt an der Bucht des Mälaren – das ist der See, der im Osten an Stockholm grenzt. Mit dem Zug sind es nur 50 Minuten in die schwedische Hauptstadt.

Es bietet sich also an, einen Ausflug zu machen, wenn die Familie oder Freunde zu Besuch sind. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Metropolen geht es in Stockholm sehr gemütlich zu. Niemand wirkt gestresst und es bleibt stets genügend Zeit für eine ordentliche Fika. Das ist die Lieblingsbeschäftigung der Schweden: Man trifft sich zum Kaffee, zwischen den Vorlesungen oder im Büro, und redet über Gott und die Welt.

Die Touristen schlendern gelassen durch die Gamla Stan – die wunderschöne Altstadt – oder machen Ausflüge in den faszinierenden Schärengarten vor der Stadt. Auch meine Kommilitonen und ich taten das gern, allerdings im Winter – was nicht weniger schön ist als im Sommer. An Bord gab es das leckerste Nachtischbuffet der Welt. In Sachen Süßigkeiten sind die Schweden nämlich spitze. Auch die Museen der Stadt sind einen Besuch wert. Oft ist der Eintritt kostenlos und die Ausstellungen sind meist sehr spannend arrangiert.

Die Universität: ein Traum

Die Mälardalen Universität besteht aus zwei Studienstandorten. Der Hauptsitz ist in Västerås.

Der zweite Standort befindet sich am gegenüberliegenden Seeufer in Eskilstuna. Als Student kann man natürlich kostenfrei den Zug nutzen. Als ich zum ersten Mal die Universität betrat, war ich sprachlos. Viel Glas und Holz schaffen eine angenehme Lernatmosphäre. In der Bibliothek gibt es bequeme Lesesessel. Auf jeder Etage befinden sich mit moderner Technik ausgerüstete Gruppenräume. Dort lässt es sich wunderbar lernen. Mittags kann man zwischen drei Mensen auswählen. Eine davon befindet sich im Haus des Studentkår, einer Studentenunion, die sich für die verschiedensten Belange der Studierenden engagiert, und in der alle Studenten Mitglied sein müssen. Die Universität ist rund um die Uhr geöffnet. Für alle gibt es jederzeit Zugang zu Rechnern und Druckern der Hochschule, die auch zur Genüge vorhanden sind.

Selbstbestimmtes Studium

In Västerås belegte ich den Kurs „Interkulturelle Kommunikation aus einer pädagogischen Perspektive“.

Das klingt noch ungewöhnlicher als mein Studienfach „Angewandte Kindheitswissenschaften“. Und ungewöhnlich oder vielmehr ungewohnt war auch die Seminarsituation: Wir waren nur zwölf Studenten im Kurs, und die kamen aus allen Himmelsrichtungen. So konnten wir während des Semesters richtig interkulturell arbeiten und Erfahrungen aus Pakistan, Gambia, Frankreich, Finnland, Kenia, Iran, Island und Deutschland austauschen. Im Gegensatz zu Deutschland war das Studium viel selbstbestimmter. Wir arbeiteten sehr oft in Kleingruppen und hatten sehr viel Lesestoff. Natürlich musste alles in Englisch bearbeitet werden, aber daran hatten wir uns schnell gewöhnt. Der Versuch, mir mehr Kenntnisse der Landessprache anzueignen, scheiterte an der schwedischen Freundlichkeit. Fast immer, wenn ich mein zurechtgelegtes Schwedisch auspackte, bekam ich eine freundliche Antwort auf Englisch.

Schwedische Schulen

Die spannendsten Erfahrungen sammelte ich während unserer Schulbesuche.

Wir hatten ein volles Programm und besuchten – von der Kindertagesstätte bis zum Gymnasium – verschiedene Jahrgänge. In Schweden wird bis zur neunten Klasse gemeinsam an einer Schule gelernt. Danach wechselt man auf ein Gymnasium. Dort bereitet man sich mit seinen Kursen entweder auf ein Studium vor oder wählt einen eher praktischen Weg, vergleichbar mit unserer Berufsausbildung. Der Schulbesuch ist kostenfrei – genauso wie das Mittagessen an der Schule. Das gilt auch für Privatschulen. Wer nicht mehr als 80 Prozent der Zeit in der Schule fehlt, bekommt vom Staat einen Zuschuss, ähnlich wie unser Kindergeld. Übrigens steht auch jedem Studenten eine Förderung zu. Der Schulunterricht in Schweden ist sehr individuell. An den Schulen, die ich in Västerås besuchte, arbeiteten die Lehrer in Teams, was ihnen eine flexible Unterrichtsgestaltung ermöglicht. Ich konnte auch oft beobachten, dass die Schüler an selbst gewählten Aufgaben arbeiteten und ihre Lernziele ganz eigenständig verfolgten.

Zwischen Party, Mücken und Elchen

Neben all dem Lernen kam in Västerås die vergnügliche Seite des Studentenlebens nicht zu kurz.

In der Stadt gibt es zwar nur drei verschiedene Clubs, doch die sind immer gut gefüllt. Was sicher daran liegt, dass pünktlich um zwei Uhr morgens alle Lokalitäten schließen. Auch Bars und Pubs machen dann zu. Eine schwedische Eigenart ist daher die Party vor der Party. Was bei uns Deutschen, die wir doch gern etwas später auf die Piste gehen, schnell für Verwirrung sorgen kann.

Daher hatte man – eher ausgeruht – eine reelle Chance, am Sonntagmorgen die Wanderstiefel zu schnüren und die Umgebung zu erkunden oder Ausflüge nach Örebro oder Uppsala zu machen. Und – wenn man sehr viel Glück hatte – in den Weiten der schwedischen Wälder einen Elch zu treffen.

Fotos: Peggy Eckert

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