Anna ist 17 und vor sechs Jahren aus einer Kleinstadt nach Köln gezogen. Wie radikal sich ihr Leben dort verändert hat, erzählt sie hier.
Als ich mit meiner Mutter und meiner Oma nach Köln gezogen bin, brach für mich eine Welt zusammen. Ich musste meine Freunde mehr als 600 Kilometer entfernt zurücklassen. Ein Neuanfang in einem völlig ungewohnten Umfeld. Da wir in Köln etwas außerhalb wohnen, gibt es schon Grünflächen, aber es war nicht das Gleiche. Plötzlich war alles so groß und anonym: Du bist nur noch ein winziger Teil von etwas ganz Großem. Ich machte meine ersten Erfahrungen mit Alkohol und fing an zu rauchen.
Außerdem gibt es Straßen, die ich nachts alleine nicht betreten würde, denn Gewalt und Beschaffungskriminalität gibt es hier leider an vielen Ecken. Ein Bekannter zum Beispiel wollte seine Schulden einfordern und wurde verprügelt. Der Schuldner ist drogenabhängig und wird in Geldfragen anscheinend sehr schnell aggressiv. Solche Ereignisse sind in meinem Alltag aber trotzdem die Ausnahme. Die Großstadt ist entgegen den Klischees nämlich kein Urwald – aber sie kann einer werden, wenn man sie dazu macht.
Spaß und Durchhaltevermögen
Ein typischer Tag bei mir? Um sieben stehe ich auf und mache mich für die Schule fertig, die gleich um die Ecke liegt. Nachmittags bin ich selten zu Hause; es ist mir wichtig, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen, weil manche ihre Kontakte nur noch im Internet zu haben scheinen. Dabei ist der Begriff Freund im Netz übertrieben: Im wirklichen Leben hat niemand 300 echte Freunde.
Oft fahren wir dann mit der S-Bahn - die Bahngesellschaft KVB haben wir liebevoll „Kommt Vielleicht Bald“ getauft - in die Innenstadt. Dort gibt es eine Menge Geschäfte und Cafés. Am Wochenende wird natürlich gefeiert, auch ohne Grund. Ich gebe zu, es sind auch Drogen im Spiel, immerhin ist Holland nur zwei Stunden entfernt. Dennoch hatte ich nie das Bedürfnis, meine Grenzen soweit auszureizen, dass ich auf einem Horrortrip lande oder eines Morgens in meinem Erbrochenen aufwache. Spaß und Durchhaltevermögen stehen im Vordergrund.
Das Land ist für mich zurzeit keine Option
Trotz aller Vorteile vermisse ich das Idyllische: Manchmal möchte ich weg von all dem Lärm und all den Leuten, selbst wenn sie mir viel bedeuten. Bei meinem Ex-Freund, der ganz außerhalb der Stadt wohnt, habe ich wieder gemerkt, wie schön es ist, in der Natur zu sein und einfach mit dem Hund spazieren zu gehen. Einmal bin ich mit Freunden losgezogen, um Schlitten zu fahren, doch wir haben nirgends eine Wiese gefunden.
Wenn ich später eine Familie habe, würde ich das Land bevorzugen, aber als Jugendliche ist es für mich keine Option. Klar denke ich zurückblickend, dass vieles wie zum Beispiel die Drogen ohne den Umzug nie passiert wäre. Nur bin ich ein freiheitsliebender Mensch und möchte auf die Chancen hier - die Uni, die Mobilität und die Vielfalt, in der jeder seine Individualität ausleben kann - nicht verzichten.




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