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09.03.2010
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ein brünettes Mädchen
Bilgen weiß manchmal gar nicht so genau, zu welcher Kultur sie gehört.

Foto: Yasemin Kizilkaya

Menschen | 2010 | Februar | Kultur (Nr. 77)

Die Familie bleibt hier

Bilgen, 17, wohnt in Wuppertal. Ihre Eltern kamen Anfang der Achtziger Jahre aus der Türkei nach Deutschland. Wie wichtig ihr die türkische Kultur ist, erzählt sie hier.

Ich, Bilgen, 17 Jahre alt, Gymnasiastin, bin Türkin. Oder vielleicht auch Deutsche. Das weiß ich nicht genau. Ich wurde in Wuppertal geboren und habe schon immer hier in Deutschland gelebt. Vor etwa 40 Jahren kamen meine Großeltern mit ihren Kindern nach Deutschland. Die Kinder wurden älter, gingen zur Schule, machten Abitur oder eine Ausbildung, studierten und lebten sich immer mehr in Deutschland ein. Es war schnell klar: Die Familie bleibt hier. Und die Männer brachten nicht nur ihre Familienmitglieder nach und nach hierher, sondern auch die türkische Kultur, die der Familie ein Stück Heimatgefühl und Sicherheit gab.

Die türkische Kultur wird bei uns in der Familie großgeschrieben. Nationale Festtage werden gefeiert, türkische Folklore und Instrumente in Vereinen gelernt. Aber das besondere an uns Deutschtürken ist, dass wir im Prinzip zwei Kulturen gleichzeitig leben: Karneval, Weihnachten und Ostern bestimmen auch unseren Alltag.

Esskultur vom Saz umspielt

Aber auch, wenn ich von zwei Kulturen geprägt werde, unterscheide ich diese klar, denn die Unterschiede sind groß. Das Zwischenmenschliche ist unter Türken etwas ganz anderes. Während unter Deutschen stets eine gewisse Distanz zu unbekannten Menschen besteht, sind bei den Türken grundsätzlich alle Brüder und Schwestern. Menschen besuchen einander, geben einander Rat, tauschen sich aus. Dazu wird reichlich gegessen und getrunken. Und Türken wären keine Türken, wenn sie keinen türkischen Tee trinken und türkisch essen würden. Daher wird ein bestimmter Teil an Lebensmitteln auch in türkischen Geschäften – den Bakals - gekauft. Dort stehen ausschließlich Lebensmittel aus der Türkei oder von türkischen Marken. Da gibt es sogar noch krumme Gurken und unpoliertes Obst, richtig scharfe Peperoni und eingelegte Weinblätter zu kaufen.

Für uns Deutschtürken ist es selbstverständlich, stets einen Überschuss an Lebensmitteln zu Hause zu haben, denn unangekündigter Besuch, auch mitten in der Woche, ist hier Programm. Es wird aber nicht nur zusammen gegessen, sondern unter anderem auch Tavla, die türkische Version von Backgammon, gespielt. Das Familienleben wird oft durch die Klänge eines Saz, der türkischen Gitarre unterlegt.

Sprache als Kulturträger

Türkische Süßigkeiten
Türkisches Essen gehört bei Bilgens Familie einfach dazu.
Foto: Inessa Podushka, pixelio.de

Wenn ich von der Schule komme, wird türkisch gegessen, ab und zu auch türkische Musik gehört. Außerdem unterhalten wir uns zu Hause gerne in unserer Muttersprache, weil wir es wichtig finden, die Sprachkenntnisse zu erweitern und zu erhalten. Einige meiner Freunde lernen nachmittags im Sprachunterricht ihre Muttersprache, denn in vielen Familien ist es mittlerweile nicht mehr üblich, sich auf Türkisch zu unterhalten.




Ich denke, dass Kultur unendlich wichtig ist und dass man alle Kulturen erhalten sollte. Mit wenigen Kulturen wäre es ja außerdem langweilig, dann wären alle Menschen gleich und man würde nie etwas Neues kennen lernen. Das traurige daran sind nur die ganzen Vorurteile die den Alltag beherrschen. Klischees, die man nicht mehr hören kann, die so ausgelutscht sind, dass ich schon darüber lache. - “Aber du trägst ja gar kein Kopftuch.” Viele Leute denken, dass wir Türken so altmodisch sind und kommen nicht mal auf den Gedanken, dass wir gar nicht so sehr anders leben als sie.

Autor:
Yasemin Kizilkaya ist 17 Jahre und eine selbstbewusste Schülerin

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