
Am 1. Juli dieses Jahres startete der Bundesfreiwilligendienst. Wie sinnvoll ist dieser neue Dienst? Andrea hält ihn für Quatsch, Lien ist dafür.
Lien: ProVon der Schulbank in den Hörsaal? Nicht mit mir! Nach 13 Jahren Schule möchte ich etwas anderes erleben als Frontalunterricht mit Einschlafeffekt. Der Bundesfreiwilligendienst bietet mir die Option, mich sozial zu engagieren, für andere einzusetzen und meinen Horizont zu erweitern. Warum also nicht die Gelegenheit ergreifen und einen anderen Weg einschlagen als den klassischen „Schule-Studium-Arbeit“-Lebenslauf? Sei es in der Obdachlosenhilfe, im Nationalpark oder im Museum. Den Bundesfreiwilligendienst kann ich in vielen sozialen, ökologischen, kulturellen und sportlichen Einrichtungen machen. Das Angebot der Stellenbörse zum Bundesfreiwilligendienst umfasst mehr als 18.500 Plätze. Wer schon vor dem Bundesfreiwilligendienst den Pflegenotstand heraufbeschworen hat, der wird eines Besseren belehrt: Schon mehr als 12.000 neue Verträge sind seit der Einführung des neuen Dienstes im Juli geschlossen worden. Von einem Fehlstart kann also nicht die Rede sein. Wie der Zivildienst ist auch der Bundesfreiwilligendienst arbeitsmarktneutral. Jeder einzelne Platz wird darauf überprüft, dass keine reguläre Arbeitskraft verdrängt oder ersetzt wird, sondern allein unterstützende Tätigkeiten ausgeführt werden.Seitdem über die Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes diskutiert wird, gibt es Stimmen, die klagen, dass die Bevölkerung und die verschiedenen Einrichtungen nicht ausreichend informiert wurden. Tatsächlich steht aber der Vertrag für den neuen Bundesfreiwilligendienst seit Anfang März 2011 im Internet und im Mai startete die Informationskampagne „Zeit das Richtige zu tun“. Mangelnde Aufklärung sieht meiner Meinung nach anders aus. Ich zumindest bin immer wieder mit dem Bundesfreiwilligendienst konfrontiert worden – auch ohne konkret danach gesucht zu haben. Mit meinem Einsatz, beispielsweise in einem Altenheim, gewinne ich nicht nur neue Erfahrungen für mich selber sondern leiste auch einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft kann mit freiwilligem Engagement enorm gesteigert werden. Wer sonst nimmt sich mal die Zeit und wendet sich der älteren Generation zu? Den angestellten Pflegern fehlt dafür oftmals die Kapazität. Wo könnte also eine freiwillige Hand hilfreicher sein als hier? Engagement sieht letztendlich nicht nur im Lebenslauf gut aus, sondern fühlt sich auch gut an. |
Andrea: ContraBufdi – der Name ist süß. Tragen will ihn bis jetzt fast keiner. Der Zivi ist abgeschafft, das neue „Format“ noch nicht ausgereift. Zu unüberlegt und schnell wurde der neue Bundesfreiwilligendienst eingeführt. Weder die Bevölkerung noch die sozialen Einrichtungen sind ausreichend über den BFD informiert. Kein Wunder, dass es bis jetzt noch nicht viele Bufdis gibt. Wie sollen die benötigten 35.000 Freiwilligen angeworben werden? Wie sollen Jugendliche vom Fernseher weg und Rentner aus ihren Gärten gelockt werden? Fragen, auf die auch die Regierung keine Antworten weiß. Die hätten sie aber schon zum 1. Juli parat haben sollen. Das hätte den Einstieg für die Freiwilligen und die Einrichtungen erheblich erleichtert. Außerdem wäre so nicht der Eindruck entstanden, der BFD sei lediglich ein Versuch, die kritischen Stimmen zu beruhigen, die die Aussetzung der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes beklagt haben.
Manches sieht beim BFD eher nach einer Verzweiflungstat aus: 70-jährige Rentner sollen sich im Altenheim um Senioren kümmern. Dabei sind sie selbst schon nicht mehr die Jüngsten. Ist das nicht ein bisschen weltfremd? Die Einrichtungen müssen sich jetzt selbst um Mitarbeiter kümmern, anstatt sie wie bisher – in Gestalt der Zivis – quasi „frei Haus“ geliefert zu bekommen. Diese Umstellung hätte mehr Zeit gebraucht. Auf allen Seiten. Überhaupt: Wäre nicht ein einjähriger Arbeitsdienst für alle Schulabgänger die bessere Variante? Die Einrichtungen hätten auf jeden Fall genügend junge Leute und jeder müsste sich denselben Schuh anziehen. Keiner hätte das Gefühl, etwas zu verpassen oder erst zu spät auf dem Arbeitsmarkt anzukommen. Das soziale Verständnis in unserer Gesellschaft würde sich verbessern und die Generationen kämen wieder besser miteinander in Kontakt – alle würden davon profitieren. |
Teaserfoto: Boys' Day




der Rubrik Pro & Contra



Kommentare
Neuen Kommentar schreiben