Ein Königreich in Europa, ohne Regierung. Gibt es nicht? Gibt es doch. An diesem Ort wird gleich auch noch Europapolitik gemacht: in Brüssel, der Hauptstadt des Königreichs Belgien und der Europäischen Union.
Das Brüssel der EU-Bürokraten
Brüssel hat eine Million Einwohner und 30.000 EU-Beamte. Anzugträger dominieren ihren Stadtteil – das so genannte Europaviertel - und die EU prägt das Sortiment im Brüsseler Supermarkt.
In Brüssel haben die Institutionen der Europäischen Union (EU) sowie das Nato-Hauptquartier ihren Sitz. Neben EU-Parlamentariern, Kommissaren und den unzähligen Assistenten und Übersetzern zieht das jede Menge Interessens- und Ländervertretungen, Think Tanks, Lobbyistenbüros, Kulturinstitute und weltweite Presse nach Brüssel. Und so wimmelt es im EU-Viertel nur so von Anzugträgern. Die Kaufkraft in Brüssel ist eine der höchsten Europas, Mietpreise passen sich an, ebenso Supermärkte, deren Sortiment viel mehr Importprodukte aufweist als in den anderen Teilen des Landes.
Doch die EU-Elite ist lange nicht das Wichtigste für das Leben in Brüssel. Denn die Expat-Gemeinde – also die Mitarbeiter, die für ihre Arbeit aus dem Ausland nach Brüssel entsandt wurden - prägt ihr Viertel nur von Montag bis Freitag, am Wochenende klappen im EU-Viertel die Bordsteine hoch. Dann ist das Feld den „Bruxellois“ - den Einheimischen - überlassen, die die Wochenenden für rauschende Feste und große Spektakel nutzen.
Rekordgehalt trifft Arbeitslosigkeit

Oft bestimmen Kontraste die Stadt., Foto: Dagmar Röller
Genauso rekordverdächtig wie die Brüsseler Kaufkraft ist die Arbeitslosigkeit: Fast jeder vierte ist ohne Job, mehr als irgendwo sonst in Belgien.
Zwar haben die EU-Institutionen die Wirtschaftsstruktur Brüssels tiefgreifend geprägt, doch daran nimmt längst nicht jeder teil. Die Brüsseler Realität spielt sich jenseits des EU-Viertels ab. Brüssel besteht aus einer Reihe von parallelen Welten, die sich nur wenig vermischen. Zufällig verirrt sich ein EU-Bürokrat sicher nicht in von muslimischen Immigranten dominierte Stadtteile wie Sint-Joost-ten-Noode oder St. Gilles.
Die Arbeitslosigkeit in Brüssel erreicht mit über 23% einen Rekordwert in Belgien. Das Gefälle zwischen Arm und Reich wächst, die Kriminalität steigt, das EU-Viertel wird attraktiv für Langfinger. Fahrräder beispielsweise, sind am unsichersten geparkt, wenn sie vor dem EU-Parlament stehen.
Zweisprachige Insel im flämischen Teil Belgiens
Brüssel liegt im flämischen Teil Belgiens, ist allerdings zweisprachig. Hunderttausende Flamen pendeln täglich in die Stadt und geben Bahnhöfen und Autobahnen ein Eigenleben.
Brüssel ist das politische und wirtschaftliche Zentrum Belgiens, doch zum Wohnen für viele unattraktiv. Zu laut, zu dreckig, zu unsicher! Belgien hat drei Amtssprachen: Neben der deutschen Minderheit ganz im Osten des Landes wird im Süden, in der Wallonie, Französisch gesprochen. Der nördliche Teil, Flandern, ist flämischsprachig und wird nur von Brüssel als zweisprachiger Insel unterbrochen. Flamen und Wallonen vermeiden es, sich zu mischen, weshalb Brüssel für 200.000 Flamen das tägliche Pendlerziel ist. Bis in die Politik geht der Sprachen- und Kulturenstreit. Da gewinnt sogar die deutsche Minderheit an Bedeutung und wird als Vermittler unverzichtbar.
Partymentalität in Europas Hauptstadt

Straßenfest in Brüssel, Foto: Dagmar Röller
Wer einkaufen gehen will, muss sich Zeit nehmen. Brüssel hat seine eigenen Regeln und mit seiner südländischen Mentalität ist Gelassenheit das wichtigste Utensil, um in der Stadt klar zu kommen.
Es passt so gar nicht zum Brüssel der Europäischen Union – die unbekümmerte, temperamentvolle und manchmal kurzsichtige Mentalität der Bruxellois. Aber so agieren die Brüsseler selbstbewusst mitten im Völkergemisch ihrer Stadt und meistern mit ihrem Improvisationstalent und einer südländischen Mentalität alle Probleme. Wozu Mülltonen aufstellen, wenn die Müllbeutel zwei Mal pro Woche vom Fußweg eingesammelt werden können? Wer braucht schon eine Regierung, um die Ratspräsidentschaft der EU zu übernehmen? Und siehe da: Es klappt. Gelassenheit bestimmt den Alltag, mit dem Kopf durch die Wand kommt in Brüssel keiner weiter. Diese Mentalität der Stadt zieht eine kreative Theater- und Musikszene nach Brüssel und füllt jeden Abend die vielen Bars und häufigen Stadtfeste.
Die Hauptstadt der Pommes frites
Brüssel ist die Hauptstadt des Pommes frites und Belgien ihr Mutterland. Im 18. Jahrhundert traten Fritten von hier ihren Siegeszug durch die Welt an. Nach der Verzehrmenge betrachtet ist nur Bier eine ernsthafte Konkurrenz.
Der Blick in den Reiseführer verrät: Geheimtipp für Brüssel ist die Frittenbude auf dem Place Jourdan. Im Mutterland der Pommes frites finden sich hoch frequentierte Fritures an jedem strategisch gut gelegenen Platz. Der Siegeszug der Pommes hat es bis in den Kebab geschafft, den der gemeine Brüsseler mit einem kühlen Glas einer der 500 Sorten belgischen Biers runterspült. Die wenigsten davon würden in Deutschland als Bier akzeptiert – zu süß, zu stark oder zu bunt. Und so improvisationsreich die Brüsseler sonst auch sind: Beim Bier gibt es kein Pardon und jedes wird nur in seinem passenden Glas serviert.
Die Schlümpfe sind belgisch

In Brüssel kann man "Comic" studieren., Foto: Dagmar Röller
Die Schlümpfe sind nicht nur blau, sondern auch Belgier. Belgien ist Europas Comic-Zentrum und in Brüsseler Supermärkten findet man zwar keine Zeitungen, dafür aber eine Menge Comics.
Comics werden in Belgien als „neunte Kunst“ tituliert. An der Kunsthochschule kann man Comic studieren und im Verhältnis zu seiner Größe ist Belgien der wichtigste Produzent erfolgreicher Comics in Europa. Entsprechend häufig strahlen dem aufmerksamen Besucher im Stadtbild fassadengroße Zeichnungen aus dem eigenen Land entgegen: Tim und Struppi von Hergé sind darunter, genauso Lucky Luke von Morris und die Schlümpfe, ein Zufallsprodukt von Peyo aus dem Jahr 1959. Alle sind sie belgisch und alle sind international bis in die Kinderzimmer bekannt. Gehuldigt wird der neunten Kunst in jedem größeren Supermarkt sowie auf drei Etagen im Brüsseler Comicmuseum.



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