Staatsministerin Maria Böhmer hinter ihrem Schreibtisch. Foto: REGIERUNGonline

Staatsministerin Maria Böhmer kümmert sich um Integration in Deutschland. Wo sie Probleme sieht und was sie dagegen tut erzählt sie Schekker-Autorin Marie.

 

Schekker.de: Guten Tag Frau Böhmer, in Deutschland leben rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Eine große Barriere dabei ist die deutsche Sprache. Die Kampagne „Raus mit der Sprache- rein ins Leben“ soll Zugewanderte zum Deutschlernen bewegen. Wie erfolgreich ist dieses Projekt in Ihren Augen?

Staatsministerin Maria Böhmer: Die Beherrschung der deutschen Sprache ist die Grundvorausetzung für Integration. Nur wer gut Deutsch spricht, kann in unserem Land den Aufstieg schaffen. Das ist die Botschaft der Kampagne „Raus mit der Sprache- rein ins Leben“, die von der Deutschlandstiftung Integration initiiert wurde. Ich unterstütze diese Kampagne gerne! Die Resonanz ist so groß, dass Ende Oktober die zweite Staffel der Kampagne starten konnte. Schon die erste Staffel wurde von Verlagen mit 200 Anzeigen in 100 Zeitschriften- und Zeitungstiteln unterstützt. Das zeigt eindeutig den beachtlichen Erfolg.

Für die Fortsetzung der Kampagne wurden Prominente wie die Politikerin Aygül Özkan, die Turnerin Magdalene Brezka oder der Rapper Sido gewonnen. Mit ihrem Engagement leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Integration. Als Vorbilder machen sie anderen Migranten Mut.

Integrationskurse und –angebote werden nicht von allen Migranten genutzt. Sind Sie mit der bisherigen Frequentierung zufrieden?

Die Integrationskurse des Bundes sind ein Erfolgsmodell! Bis Ende des Jahres werden rund 700.000 Migrantinnen und Migranten an den Kursen teilgenommen haben. Mehr als die Hälfte von ihnen besucht einen Integrationskurs freiwillig, um Deutsch zu lernen! Über zwei Drittel der Teilnehmer sind Frauen. Das zeigt, dass sich sehr viele Menschen aus Zuwandererfamilien in unserem Land einbringen möchten.

Wegen der starken Nachfrage haben wir in diesem Jahr für die Integrationskurse die Rekordsumme von 233 Millionen Euro bereitgestellt. Insgesamt investieren wir seit 2005 etwa 1 Milliarde in die Integrationskurse. Der Andrang ist so groß, dass es bereits Wartelisten für den Besuch eines Kurses gibt. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass im kommenden Jahr gerade auch die Migranten, die freiwillig einen Integrationskurs besuchen möchten, zeitnah teilnehmen können.

Einige Kulturen haben ein vollkommen anderes Frauenbild als die Deutschen. Mitunter gestaltet es sich für Mädchen und Frauen schwierig, an Nachhilfeunterricht oder Sprachkurse zu kommen. Mit welchen Mitteln kann auch Mädchen und Frauen der Zugang zu solchen Angeboten ermöglicht werden?

Ich sage ganz deutlich: Unverzichtbare Grundlage des Zusammenlebens in unserem Land ist die Anerkennung unserer im Grundgesetz verankerten Werte. Dazu gehören die Menschenwürde, die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung der Frau. Diese Werte müssen auch gelebt werden. Es ist ein Problem, wenn manche Zuwandererfamilien sich weiter an den traditionellen Strukturen ihrer Herkunftsregionen orientieren wollen. Wenn Ehefrauen, Müttern, Töchtern und Schwestern ein gleichberechtigtes Leben von den männlichen Familienmitgliedern verwehrt wird, ist dies nicht hinnehmbar.

Staatsministerin Maria Böhmer
Die Staatsministerin engagiert sich auch für die Charta der Vielfalt.
Foto: Udo Geisler

Die Bundesregierung bietet deshalb Integrationskurse speziell für Frauen an. Dabei werden neben der deutschen Sprache auch Alltagswissen und Themen wie Kindererziehung und Gesundheitsprävention vermittelt. Das Erlernen der deutschen Sprache erleichtert es den Frauen, ihre Abhängigkeit zu überwinden.

Eine große Hilfe für eine bessere Integration von Migrantinnen sind auch Initiativen wie die Stadtteilmütter.
Die Frauen mit eigenem Migrationshintergrund gehen in die Familien und beraten sie in Bildungsfragen und helfen den Frauen, sich in unserem Land selbstständig zurecht zu finden.

Auf dem Integrationsgipfel wurde beschlossen, nun einen Nationalen Aktionsplan zum Thema Integration auszuarbeiten. Wie kann man sich dessen Eckpunkte vorstellen?

Bereits seit 2005 ist Integration ein Schwerpunktthema für die Bundesregierung. Damals hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema ganz nach oben auf die politische Agenda gesetzt. Mit dem Nationalen Integrationsplan sind 2007 eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet worden, die das Miteinander in unserem Land befördern. Jetzt geht es darum, Integration noch verbindlicher und wirksamer zu machen. Dazu brauchen wir klare Ziele, die überprüfbar und messbar sind. Deshalb haben wir beim Integrationsgipfel Anfang November den Nationalen Aktionsplan auf den Weg gebracht. Er konkretisiert den Nationalen Integrationsplan und entwickelt ihn weiter.

Inhaltliche Schwerpunkte sind vor allem Sprache, Bildung und Ausbildung und Arbeitsmarkt. Die Vereinbarung klarer Zielvorgaben beispielsweise zur Sprachförderung oder zur Bildungssituation helfen, die jeweils am besten geeigneten Instrumente auszuwählen oder neue Maßnahmen zu entwickeln. Höchste Priorität hat vor allem, jungen Migranten die gleichen Startchancen wie Kindern ohne Migrationshintergrund zu ermöglichen.

Konkrete Zielvorgaben wollen wir aber auch für die beiden neuen Themen „Gesundheit und Pflege“ sowie Migranten im öffentlichen Dienst erarbeiten.
 

Ausländische Jugendliche tun sich im Schulsystem oft schwer, der Anteil der Schulabbrecher ist hoch. Welche Perspektiven können Sie diesen Jugendlichen bieten?

Fördermöglichkeiten

Eine erfolgreiche Teilnahme an einem Integrationskurs ist Vorraussetzung, um am Förderprogramm des Europäischen Sozialfonds teilnehmen zu können. Durch berufsbezogene Maßnahmen sowie sprachliche und fachliche Weiterbildung soll es gelingen, Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Auch Stipendien sollen jungen Menschen aus Zuwandererfamilien Chancen auf einen Job eröffnen. Alle parteinahen Stiftungen fordern Migranten ausdrücklich dazu auf, sich zu bewerben. Daneben gibt es auch eigene Förderprogramme, wie zum Beispiel das START-Programm der Hertie-Stiftung, die sich speziell an junge Menschen mit Migrationshintergrund richten.

23 % der Deutschen mit Migrationshintergrund engagieren sich ehrenamtlich und tun damit viel für ihre Integration in die Gesellschaft. Verschiedene Aktionen wie „Junge Migranten als Lotsen“, „Integration durch Sport“ und „Aktion zusammen wachsen“ zielen besonders auf Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche ab. Dabei sollen Migranten zusammen mit deutschen Jugendlichen etwas für andere tun, um selbst Anschluss in der Gesellschaft zu finden.

Es gibt die Möglichkeit für eine Nachqualifizierung beispielsweise über die Initiative „Die 2. Chance“. Ziel des Programms ist, die Möglichkeiten dieser Jugendlichen, einen Schulabschluss zu erreichen, zu verbessern. Damit dies gelingt, müssen die jungen Migranten aber auch bereit sein, sich anzustrengen. Klar ist: Nur ein Schulabschluss öffnet die Türen zum Arbeitsmarkt und in eine erfolgreiche Zukunft.

Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien verstärkt zu unterstützen. Das beginnt mit der Sprachförderung von Anfang an in den Kindergärten. In den Schulen muss die individuelle Förderung ausgebaut werden. Gerade die Schulen mit einem hohen Migrantenanteil brauchen mehr Lehrer, mehr Schulsozialarbeiter und mehr Zeit, das bedeutet mehr Ganztagsschulen. Hier sind die Länder in der Pflicht. Sie haben im Nationalen Integrationsplan zugesagt, solche Schulen stärker zu unterstützen.

Zudem müssen wir mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund gewinnen- sie sind wertvolle Brückenbauer. Außerdem haben sich die Länder verpflichtet, bis 2012 die notwendigen Fortbildungsmaßnahmen anzubieten, die es Lehrkräften ermöglichen, ihren Sprachbildungsauftrag im Unterricht wahrzunehmen. Es wird höchste Zeit, dass die Länder Intensität und Tempo ihrer Maßnahmen erhöhen. Es darf sich niemand damit abfinden, dass die Quote der Schulabbrecher unter junger Migranten mit 13,3 Prozent etwa doppelt so hoch ist wie die unter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund mit 7 Prozent.

Eine andere Kultur kann durchaus positiven Einfluss nehmen. Beispielsweise hat sich der Hip Hop von Sängern mit Migrationshintergrund zu einem festen Bestandteil der Jugendkultur entwickelt. Warum setzen so wenige Integrationsprogramme an dieser Stelle an?

Richtig ist, dass wir die Zielgruppe der Jugendlichen besser erreichen müssen. Projekte sind dann erfolgreich, wenn sie das Lebensgefühl und die Themen der jungen Migranten auf eine Art und Weise ansprechen, die sie zum Mitmachen motiviert. Hip Hop ist dafür ideal geeignet. Das hat die große Resonanz auf unseren Integrationspreis „Respekt 2010“ gezeigt.

Wir haben Jugendliche aufgefordert, sich musikalisch mit den Themen Toleranz und Integration zu beschäftigen. Nach dem Motto „Deine Reime für ein gemeinsames Deutschland“ haben die Schüler eigene Rap-Texte verfasst. Grundlage dafür bot der Song „Alles geht“ des Musikers Tyron Ricketts. Rund 600 Einsendungen belegen, dass wir mit dem Musikwettbewerb die richtige Form getroffen haben. Das spornt an, auch bei künftigen Projekten stärker auf die Jugendkultur einzugehen.
 

In vielen Ländern wird Zuwanderung als Chance gesehen. Kanada zum Beispiel sucht Einwanderer nach deren Qualifikationen aus, um gegen Fachkräftemangel vorzugehen. Warum tut sich gerade Deutschland schwer, das Potenzial der Migranten zu nutzen?

Die Bundesregierung ist gerade mit Hochdruck dabei, die Potenziale der Migranten in unserem Land zu heben! Anfang nächsten Jahres soll ein Gesetzentwurf zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse vorliegen. Bisher können viele zugewanderte Akademiker und Fachkräfte nicht in ihren erlernten Berufen arbeiten, weil ihr Abschluss bei uns nicht anerkannt wird. Deshalb fahren Ingenieure Taxi oder Zahnärztinnen müssen ihr Geld als Haushaltshilfe verdienen. Das ist eine Riesenverschwendung von Ressourcen.

Das geplante Anerkennungsgesetz bedeutet einen Gewinn für beide Seiten: Rund 300.000 qualifizierte Zuwanderer profitieren unmittelbar. Und unser Land kann ein Stück weit den Fachkräftemangel ausgleichen.
Die Potenziale zu heben, hat oberste Priorität. Zugleich ist es unverzichtbar, dass unser Land für kluge Köpfe aus aller Welt attraktiver wird. Entscheidende Kriterien für Zuwanderung sollten Sprachkenntnisse, Qualifikationen und Bedürfnisse unseres Arbeitsmarktes sein.

 

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