Prof. Dr. Michael Schefczyk beschäftigt sich mit Gerechtigkeitstheorie. Foto: LMU München

Wenn es um Gerechtigkeit geht, entzweien sich die Geister. Oft liegt das daran, dass keiner weiß, was Gerechtigkeit eigentlich ist. Schekker lässt es sich vom Politikwissenschaftler Prof. Dr. Michael Schefczyk von der Uni München erklären.

Schekker: Wann haben Sie persönlich das letzte Mal Ungerechtigkeit erlebt und wie war Ihre Reaktion darauf?

Prof. Dr. Michael Schefczyk: Im Prinzip sind wir täglich mit Ungerechtigkeit konfrontiert - allein schon durch die Lektüre von Zeitungen. Spontan fällt mir gerade nichts ein. Wenn ich mich etwas länger hinsetzen und gezielt über die Frage nachdenken könnte, dann sicherlich. Wenn man etwas als ungerecht wahrnimmt, ist dies zunächst auch ein Urteil, das man persönlich fällt. Die Reaktion darauf ist meist die Empörung über die Zustände, die bestehen, und der Wunsch, dass diese Ungerechtigkeiten behoben werden.

Als Kind achtet man sehr genau darauf, nicht weniger als alle anderen zu bekommen. Weshalb ist das so?

Diesen bestimmten Aspekt von Gerechtigkeit nennt man Verteilungsgerechtigkeit. Dass schon Kinder darauf achten, nicht weniger als die Geschwister oder Klassenkameraden zu bekommen, hat vermutlich biologische Gründe. Durch die Natur sind sie darauf programmiert dafür zu sorgen, dass sie einen ausreichenden Anteil an den Ressourcen bekommen. In der empirischen Forschung hat man diesen Sachverhalt sehr gründlich untersucht und herausgefunden, dass der Anspruch auf bestimmte Ressourcen, zum Beispiel Geld oder Kuchen, sich tatsächlich an der Gleichverteilung orientiert. Vor allem Ökonomen haben sich damit beschäftigt. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass Menschen in bestimmten Situationen ärgerlich reagieren, wenn eine Verteilung zu weit von der Gleichverteilung abweicht. Wenn sie keinen in etwa gleichen Anteil erhalten, ist es ihnen lieber, dass alle nichts bekommen.

Hat ein Kind schon dasselbe Gerechtigkeitsempfinden wie ein Erwachsener?

zwei spielende Kinder
Wie lernen Kinder Gerechtigkeit?
Foto: Photothek.net/Köhler
 

Das hängt natürlich immer etwas vom Kontext ab. Ein Erwachsener hat vielleicht eine etwas differenziertere Vorstellung von Gerechtigkeit. Kleinere Kinder bestehen darauf, den gleichen Anteil zu bekommen, während ältere Kinder schon beginnen, Aspekte der Bedürftigkeit und des Verdienstes zu sehen. Diese spielen für Erwachsene eine größere Rolle und rechtfertigen Abweichungen von der Gleichverteilung. Wir empfinden es in den meisten Fällen als ungerecht, wenn derjenige, der mehr als alle anderen zu einer Sache beigetragen hat, gleich viel bekommen soll.

Wie definieren wir Gerechtigkeit?

Hier stellt sich die Frage, wie wir Gerechtigkeit verstehen. Als Gleichheit – was die meisten tun – und wenn ja, in welchem Sinne. Eine der zentralen Ideen der französischen Revolution von 1789 war neben der Abschaffung der Ständegesellschaft sicherlich die Gleichheit vor dem Gesetz und die Gleichheit der Rechte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erkannte man, dass dies allein nicht ausreichen kann. Hierfür haben die sozialistischen Bewegungen natürlich eine sehr wichtige Rolle gespielt. Ihnen ging es darum, dass alle die gleiche Freiheit haben, ein würdiges Leben führen zu können. Das betrifft nicht nur die Frage, wie man vor dem Gesetz steht, sondern ob man eine gewisse Gleichheit an Lebensaussichten – also Chancen - hat. Und wenn man in die politische Welt schaut, ist es heutzutage Konsens, dass eine gerechte Gesellschaft in einem bestimmten Maß diese gleichen Chancen und diese gleiche Freiheit von Menschen auch garantiert. Dazu sind die Sozialstaaten da, die wir eigentlich in allen modernen und wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften in der ein oder anderen Weise haben.

Die Bildungschancen, die ein Mensch hat, sind leider immer noch sehr stark von seiner sozialen Herkunft abhängig. Setzen wir uns heutzutage also zu wenig für Gerechtigkeit ein?

Wie ich eben meinte, besteht bei uns der Konsens darüber, dass die Bildung zu den staatlichen Aufgaben gehört. Das war nicht immer so. Über die Umsetzung bestehen natürlich große Meinungsverschiedenheiten. Ich denke aber, dass Sie heute im demokratischen Spektrum alle Leute fragen können und von allen die gleiche Antwort bekommen werden: Es kann nicht sein, dass die Bildungschancen von Menschen von deren sozialer Herkunft abhängen. Die Meinungen darüber, wie man verhindert, dass das so ist, die gehen allerdings weit auseinander.

Wie verteile ich etwas am gerechtesten?

Das hängt natürlich immer ein bisschen davon ab, was sie verteilen und was die Geschichte dessen ist. Nehmen wir an, wir würden gemeinsam irgendeine Leistung erstellen und hätten vorher eine Absprache darüber getroffen, wie wir den Gewinn verteilen wollen. Hier ist die Gerechtigkeitsforderung zunächst einmal die, dass wir uns an unsere Vereinbarung halten. Unabhängig davon, wie der Verdienst oder wie der Bedarf jedes einzelnen aussieht. Bei anderen Gütern fällt der Bedarf natürlich stärker ins Gewicht. Wenn jemand im Lotto gewonnen hat und diesen Gewinn gerne verteilen möchte, würde er vielleicht besonders darauf achten. In unserem Gesundheitssystem spielt Bedarf zum Beispiel eine ganz wesentliche Rolle; wenn es um Güter geht, die auf Märkten verteilt werden, in aller Regel der Aspekt der Verdienstgerechtigkeit.

Ist das Leistungsprinzip überhaupt gerecht?

junge Mechanikerin
Ist es gerecht, dass nicht alle Menschen
gleich viel verdienen?
Foto: Ulf Dieter

Diese Frage wird ebenfalls unterschiedlich beurteilt. Es gibt Leute, die meinen, Leistungsfähigkeit ist etwas, wofür die einzelne Person gar nichts kann. Weil sie eben stark abhängt von Faktoren wie zum Beispiel der sozialen Herkunft oder der natürlichen Mitgift. Und insofern sehen es die „Egalitaristen“ als Aufgabe des Staates, solche Ungleichheiten auszugleichen. Andere Leute empfinden dies als einen Eingriff in die Sphäre der Persönlichkeit und betrachten dies selber auch als ungerecht. Hier kann man von unterschiedlichen Philosophen keine einheitliche Antwort bekommen.

Unsere Entscheidungen werden oft von unbewussten Faktoren beeinflusst. Können wir nicht objektiv gerecht sein?

Es kann durchaus sein, dass diese Faktoren uns beeinflussen. Aber wir sind uns einig, dass das dann nicht gerecht ist und wir versuchen sollten, uns möglichst dagegen abzusichern. Wenn wir über Noten sprechen, ist sicher der entscheidende Gesichtspunkt die Verdienstgerechtigkeit. Ein Lehrer vergibt eine gute Note nicht, weil er denkt, „der Jonathan bräuchte jetzt dringend einmal eine gute Note“, sondern aufgrund seiner Leistung. Wenn nun Faktoren hineinspielen wie „der Jonathan hat so eine angenehme Stimme und ist überhaupt so ein sympathischer Kerl“, und dies die Notengebung beeinflusst, ist das natürlich ungerecht. Aber da wir diese Mechanismen zumindest zum Teil kennen und auch über die Wissenschaft darüber informiert werden, können wir versuchen, uns so weit wie möglich gegen diese Effekte abzusichern. Dies geschieht in bestimmten Situationen auch: Zum Beispiel durch Anonymisierung.

Herr Prof. Schefczyk, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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