Simon Borowiak war Redakteur, Schriftsteller und Alkoholiker. Mehrere Entzugsversuche hat er hinter sich und viele Bücher über Alkoholsucht gelesen. Dann schrieb er selbst ein Sachbuch über Alkoholsucht, das eigentlich kein Sachbuch ist.
Sachbücher sind etwas Langweiliges. Sie sehen öde aus und lesen sich wie ein Mathebuch. Schon ein kurzer Blick in solcherlei Lektüre langweilt – nur Fakten und Fachwörter. Doch 2005 schrieb Simon Borowiak das Buch „ALK – Fast ein medizinisches Sachbuch“. Es ist zwar brechend voll mit Informationen über Alkoholismus, Sucht und Abhängigkeit, liest sich aber trotzdem wie ein Roman.
Simon Borowiak wurde 1964 in Frankfurt am Main geboren. Er war lange Redakteur bei der Zeitschrift „Titanic“. Ein Kritiker der „Frankfurter Rundschau“ bezeichnete ihn als „einzig lebenden deutschen Satiriker.“ Von 1999 bis 2006 verschwand Borowiak von der Bildfläche und kämpfte Jahre lang mit seiner Alkoholsucht. Er versuchte mehrmals, durch Entzüge trocken zu werden, ging in Kliniken und fing Therapien an. Borowiak begann während dieser Zeit, Bücher über Alkoholismus zu lesen und merkte, wie nervenaufreibend und anstrengend es ist, sich durch Fachbücher zu arbeiten. Er erinnert sich, nur selten verstanden zu haben, worum es ging. Also schrieb er selber ein Sachbuch, das so ganz anders ist.
Eigene Erfahrungen verarbeiten
In „ALK – Fast ein medizinisches Sachbuch“ erklärt Borowiak gut verständlich den Weg in die Alkoholsucht, und zwar vom ersten Schwips bis zur letzten Behandlung. Er kritisiert die Aussage „Nur Penner auf der Parkbank sind Alkis.“ und schreibt von Hausfrauen und Büroangestellten, die einen Hang zu Bier, Wein und Sekt haben. Zum Beispiel stellt er eine Mutter von drei Kindern vor, die zu jeder Mahlzeit eine Flasche Piccolo trinkt, um zu entspannen.
Lust bekommen auf dieses Buch? Wir verlosen von jedem besprochenen Titel drei Exemplare.
Aus eigener Erfahrung weiß Borowiak um die Qualen, das Zittern und die ständigen Gedächtnisverluste während seiner Alkoholikerzeit. Er erklärt, ab wann man nach seiner Meinung abhängig ist, welche Folgen man davon trägt und welche Behandlung er für die beste hält. Borowiak schreibt einfach und anschaulich. Er benutzt Ausdrücke wie „Oberstübchen“ für Gehirn und „Krawallmacher“ für die Stoffe im Alkohol, die lustig machen. Er erklärt, was im Rausch oder während eines Entzugs im Körper und vor allem im Kopf abgeht. Eine Zeichnung hier und da erleichtert es, seine Beschreibungen zu verstehen. Simon Borowiak erklärt, welche Organe während des Trinkens von Alkohol überfordert werden, er erzählt vom Zellensterben und von Verdummung, weil der Alkohol das Gehirn träge macht. Er bezweifelt die Theorien großer Wissenschaftler und stellt lieber selber welche auf. Von wegen Alpha-, Beta-, Gamma-,Delta-, Epsilontrinker: Bei Borowiak gibt es nur zwei Typen von Trinkern. Einmal der Profitrinker, der denn ganzen Tag lang säuft und dann der Amateurtrinker, der sich zwei oder drei Gläschen Alkohol nach jeder Mahlzeit genehmigt.
„ALK – Fast schon ein medizinisches Sachbuch“ ist von einem Betroffenen ohne Betroffenheit geschrieben. Ein Buch mit knallharten Fakten und beeindruckenden Aufklärungen vermischt mit Ironie und einem Hauch von Humor zum eigentlich ernsten Thema. Ein Buch für Jedermann. Und für Menschen mit Alkoholproblemen erst recht.
Simon Borowiak: "Alk - fast ein medizinisches Sachbuch"
Heyne Verlag, 7,95 Euro






der Rubrik Rezension



Neuen Kommentar schreiben