Ein Schulklasiker, der wohl immer aktuell sein wird. Cover: Reclam

Das Drama „Antigone“ des antiken Dichters Sophokles ist alles andere als verstaubt – auf kleinstem Raum bespricht Sophokles ein Grundproblem des Menschen: die Frage nach dem gerechten Handeln.

Sophokles erzählt die Geschichte von Antigone, der Tochter des Königs Ödipus. Dieser hat unwissentlich seinen Vater erschlagen und dann seine Mutter geheiratet. Nachdem er seine Tat erkannt hat, sticht er sich selbst die Augen aus. Den Thron besteigt dann einer seiner beiden Söhne, Polyneikes. Deshalb greift der andere, Eteokles, gemeinsam mit Verbündeten Theben an. Die Brüder töten einander im Zweikampf. Der neue König Kreon will nur den Verteidiger Thebens ehrenvoll begraben lassen. Dessen Bruder will er den Tieren zum Fraß vorwerfen. Wer aber nicht beerdigt wird, kommt nicht in den Hades, das Reich der Toten in der griechischen Mythologie. Die Schwester Antigone begehrt gegen das königliche Gebot auf.

Staat oder Gott?

Sie will auch Eteokles angemessen beerdigen. Menschliches Recht steht nun gegen göttliches, das des Staates gegen das der Familie. Welche Handlung ist richtig, was gerecht? Sollen wir nur die ehren, die für „das Richtige“ gekämpft haben? Und wer entscheidet über richtig und falsch?

Bücher gewinnen!
Lust bekommen auf diesen Lesestoff? Wir verlosen von jedem besprochenen Titel drei Exemplare.

Antigone ist als klassisches antikes Drama vermeintlich trockener Schul- oder Unistoff. Sophokles hat jedoch zeitlose Figuren geschaffen: Kreon, den rücksichtslosen Herrscher, der schließlich doch zur Vernunft kommt. Antigone, die reinen Gewissens ihren Weg geht und ihre Auffassung von Recht und Gerechtigkeit nach dem göttlichen Gebot richtet. Diener, Boten und den blinden Seher, die Einwände bringen und die Problematik der Frage „Wer hat Recht?“ und „Was ist gerecht?“ von verschiedenen Seiten betrachten. Auf knapp sechzig Seiten schafft es Sophokles, die zentrale Frage nach Recht und Gerechtigkeit am Beispiel der Antigone ausführlich zu beleuchten.

Sophokles Drama endet, wie für Dramen üblich, blutig und für einen großen Teil des Personals tödlich. Aber so alt der Text auch ist, so wenig verstaubt ist sein Inhalt. Denn auch heute und in Zukunft bleibt die Frage nach Gerechtigkeit bestehen. Und es wird vielleicht immer schwieriger, sie zu beantworten.

Sophokles: „Antigone“
Reclam, 1,60 €

Kommentare

Der Konflikt zwischen Rechtspositivismus und Naturrecht lässt sich am Beispiel von Sophokles' Antigone fabelhaft erläutern. Als Rechtspositivismus wird die unter Rechtsgelehrten weitverbreitete Ansicht bezeichnet, dass positives, das heißt also geltendes Recht – Gesetze, Verordnungen, die Verfassung – über alles Weitere zu stellen ist. Diese Position vertritt im Stück der König Kreon. Nach ihm darf Eteokles als Feind der Stadt nicht begraben werden. Diesem Spruch muss sich die ganze Stadt fügen, unabhängig davon, ob nicht jeder Mensch ein Recht darauf hat, begraben zu werden. Dem widersprecht die Lehre vom Naturrecht, die besagt, dass es etwas gibt, das noch über dem bloßen geltenden Recht steht, zum Beispiel die Menschenrechte oder etwas wie göttliches Recht. Tote zu begraben war den alten Griechen ein göttliches Gebot, eine heilige Pflicht. Antigone stellt das, was sie „göttliches Gesetz“ nennt, über den Befehl des Königs, Kreon. Sie folgt ihrem Gewissen und den Göttern und bezahlt dafür mit ihrem Leben.

Neuen Kommentar schreiben

6 + 7 =
Diese Aufgabe verhindert das automatische Eintragen von SPAM. Die Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben. Z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.