Schekker.de: Warum sollten Jugendliche einen Freiwilligendienst absolvieren?
Kristina Schröder: Wer sich engagiert, nimmt sich Zeit für andere. Wo Menschen sich Zeit für Verantwortung nehmen, steigt auch die Qualität des Zusammenlebens. Jugendliche können von einer ehrenamtlichen Tätigkeit enorm profitieren: Sie sammeln persönliche und praktische Erfahrungen, erhalten zugleich erste Einblicke in verschiedene Berufe und können sich daran orientieren.
Und schließlich ist es eine schöne und wichtige Erfahrung, anderen Menschen zu helfen und ihnen Gutes zu tun. Ich kenne niemanden, der dabei nicht zugleich auch selbst dazu gewinnt – denn Hilfe zu geben kann ebenso bereichernd sein, wie Hilfe zu empfangen.

Wichtige Einsatzfelder für den Bundesfreiwilligendienst ist ein sozialer Dienst, der seit Sommer 2011 den Zivildienst ersetzt. Er ist notwendig, um die Lücke im sozialen Bereich zu verhindern, die durch den Wegfall des Zivildienstes droht. Die Teilnehmer können zwischen einem halben bis zwei Jahren unter anderem im kulturellen oder sozialen Bereich arbeiten und erhalten monatlich bis zu 330 Euro. Dazu gibt es Geld für Unterkunft und Verpflegung. Der Bundesfreiwilligendienst kann (anders als das Freiwillige Soziale Jahr) nur in Deutschland geleistet werden. Das Alter der Teilnehmer ist nach oben offen. Es können sich Männer und Frauen bewerben. Die Stellen werden von den gleichen Institutionen, Vereinen und Verbänden angeboten, die bisher Zivildienststellen hatten. Außerdem erweitert sich das Spektrum auch auf die Bereiche Sport, Umwelt, Bildung, Integration, Kultur und den Katastrophenschutz. ">Bundesfreiwilligendienst sind zum Beispiel Krankenhäuser. Foto: Bundesamt für den Zivildienst
Werden Freiwilligkeit und ehrenamtliches Engagement Ihrer Meinung nach in Deutschland entsprechend gewürdigt?
Menschen, die sich engagieren, haben natürlich unsere Anerkennung und Respekt verdient. Sie machen das Leben vieler Menschen schöner und reicher. Engagement verdient es deshalb, noch stärker als bisher von der Gesellschaft wertgeschätzt zu werden. Dabei geht es aber nicht nur um Preise und Auszeichnungen. Wir müssen das persönliche Engagement und die dabei gesammelten Fähigkeiten und Kompetenzen auch in der Ausbildung, im Studium und im Berufsleben berücksichtigen. Der Bund investiert in das Engagement der Bürger – allein das Bundesfamilienministerium finanziert künftig mit rund 350 Millionen Euro pro Jahr die Freiwilligendienste.
Wie sehen die Details des neuen Bundesfreiwilligendienst aus? Worin unterscheidet er sich vom Zivildienst?
Der Zivildienst richtet sich als Pflichtdienst an junge Männer, die nicht in der Bundeswehr dienen wollten. Die jungen Männer müssen mindestens volljährig und dürfen in der Regel nicht älter als 25 Jahre alt sein. Der Bundesfreiwilligendienst dagegen soll Männern und Frauen jeden Alters nach der Schulzeit offen stehen. Der Einsatz soll in der Regel zwölf, mindestens sechs und höchstens 24 Monate dauern und ist grundsätzlich als Vollzeitbeschäftigung gedacht. Freiwillige, die älter als 27 Jahre sind, können aber auch Teilzeit von mindestens 20 Wochenstunden machen. Wie der Zivildienst soll auch der Bundesfreiwilligendienst arbeitsmarktneutral sein – also reguläre Arbeitskräfte nicht ersetzen sondern lediglich unterstützen.
In welchen Bereichen soll der Bundesfreiwilligendienst zum Einsatz kommen?
Der Bundesfreiwilligendienst kann in allen bisher von Zivis besetzten Plätzen geleistet werden, künftig kommen außerdem die Bereiche Sport, Integration, Kultur und Bildung dazu. Die Freiwilligen sind gesetzlich sozialversichert, ihr Taschengeld wird in Ost und West eine einheitliche Obergrenze haben. Wie im Freiwilligen Sozialen Jahr und im Freiwilligen Ökologischen Jahr ist das Taschengeld nicht gesetzlich vorgegeben, sondern wird frei mit den Einsatzstellen oder Trägern vereinbart.
Wie viele Stellen soll es geben?
Wir gehen andersherum an die Sache ran. Es geht nicht darum, Stellen zu definieren und die Menschen dann auf diese Stellen zu setzen. Sondern jeder soll sich selber einen Platz aussuchen. Deswegen: Ein Freiwilligendienst ist grundsätzlich in jeder sozialen Einrichtung möglich – etwa im Umwelt-, Zivil- und Katastrophenschutz, in der Integrationsarbeit, in der Kultur oder im Sport. Mir ist dabei wichtig, dass wir möglichst viele Menschen mit attraktiven Angeboten für einen Freiwilligendienst begeistern können. Interessierte können sich schon jetzt bei den Einsatzstellen bewerben. Eine Stellenbörse könnte die Vergabe zentral regeln, das gilt es nun zu prüfen.

Umwelt-, Zivil- und Katastrophenschutz, Integrationsarbeit, Kultur und Sport sind neue Bereiche des Bundesfreiwilligendienstes.
Foto: Bundesamt für den Zivildienst
Mit wie vielen Bewerbern rechnen Sie insgesamt?
Wir wollen für den Bundesfreiwilligendienst 35.000 Menschen gewinnen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, das wir aber bald erreichen können. Denn von den Trägern des Freiwilligen Sozialen Jahres wissen wir, dass es in den vergangenen Jahren doppelt so viele Bewerber wie Stellen gab – nämlich insgesamt rund 70.000 Bewerbungen.
Müssen sich Einrichtungen, wie Krankenhäuser oder Altenpflegeheime mit dem Wegfall des Zivildienstes nun Sorgen machen, das Stellen unbesetzt bleiben?
Wir haben zusätzlich zu den derzeit 35.000 Aktiven im Freiwilligen Sozialen Jahr künftig also das Potenzial, eine ebenso große Anzahl Engagierter für den Bundesfreiwilligendienst zu gewinnen. Was häufig übersehen wird: Zivildienstleistende und künftig Bundesfreiwilligendienstler dürfen immer nur für zusätzliche Tätigkeiten in Anspruch genommen werden. Das heißt: Sie werden ausschließlich arbeitsmarktneutral eingesetzt, also eben gerade nicht auf normale Stellen! Die einzelnen Einrichtungen müssen ihren Betrieb auch ohne Freiwillige organisieren können.
Für welchen Freiwilligendienst hätten Sie sich entschieden?
Es wird viele tolle Angebote im Bundesfreiwilligendienst geben. Spontan würde ich ein Angebot wählen, in dem ich älteren Menschen ein wenig von der Zuwendung geben könnte, die sie verdienen. Vielen von ihnen fehlen Bezugspersonen, fehlen Menschen, die die Zeit haben, einfach mal die Hand zu halten, etwas vorzulesen, oder gemeinsam mit ihnen auf der Bank im Park zu sitzen. Diese kleinen Dinge eben, die das Leben lebenswert machen. Oftmals sagen mir professionelle Pfleger, wie gerne sie dies leisten würden, aber ihnen schlichtweg die Zeit dafür fehlt. Genau das ist der Punkt, wo freiwilliges Engagement gefragt ist.



der Rubrik Interview



Neuen Kommentar schreiben