Die Psychologin Michaela Winkler-Gutzeit erzählt, warum vor allem Kinder – aber auch Erwachsene – so gerne Krieg spielen.
Schekker: Ob Cowboy und Indianer oder Ritterburg – Kinder spielen gerne mit Waffen oder simulieren Kampfsituationen. Warum ist das so?
Michaela Winkler-Gutzeit: Ich finde es gut, wenn Kinder Cowboy und Indianer spielen oder mit der Ritterburg. Rollenspiele sind wichtig. Kinder lernen dadurch, ihr Leben zu sortieren, ihren Alltag zu strukturieren und Dinge, die in ihnen vorgehen, im Spiel auszudrücken. Dadurch finden sie sich besser in der Gesellschaft zurecht.
Aber lernen sie das nicht auch beim Mutter-Vater-Kind-spielen? Warum Kampfsituationen?
In Kampfsituationen geht es um Macht, um Grenzen und darum, festzustellen, wer der Stärkere ist. In der Regel sind es eher Jungs, die miteinander kämpfen. Ich glaube, das ist zum Teil genetisch bedingt, hat aber auch etwas mit der Sozialisation zu tun. Junge Menschen wollen herausfinden, wer sie sind. Sie wollen ihre Rolle, ihren Stand finden. Das probieren sie im Spiel aus.
Was tragen Filme - und Medien generell - zu diesen Spielen bei?
Es gibt Beispiele, da kann man sagen: Wenn Kinder Filme gucken, die Gewalt - im weitesten Sinne - beinhalten, dann ist der Anreiz, sich mit Gewalt auseinander zu setzen auch größer. Aber das ist auch nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Ich erinnere mich: Mein Mann und ich waren immer dagegen, dass unsere Kinder mit Waffen spielen. Die Kinder haben sich dann aber einfach aus einer Schnitte eine Pistole gemacht oder einen Stock genommen. Kinder wollen sich einfach messen.
Auch Erwachsene spielen gerne kriegerische Situationen nach. Paintball zum Beispiel. Warum können wir in solchen Spielen einfach auf Menschen schießen? Im Alltag würden wir so etwas doch nie tun.
Das ist eine sehr heikle Frage. Ich denke, erwachsene Menschen, die psychisch gesund sind, können sehr gut unterscheiden, was Spiel ist und was Realität. Im Spiel ist immer das Bewusstsein vorgeschaltet, das sagt „Es ist ein Spiel, ich begebe mich da hin, es gibt bestimmte Regeln und die werden eingehalten“.
Man kann aber nicht abstreiten, dass so ein Spiel auch kippen kann, weil zum Beispiel die Lebensgeschichte einer Person zum Tragen kommt. Wer ist schon immer psychisch gesund? Ich hoffe, dass die Leute verantwortungsvoll und vernünftig damit umgehen, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt.
Würden Sie Paintball spielen?
Nein, es ist unvorstellbar für mich ein Spiel zu spielen, bei dem ich auf andere Menschen schieße, das gilt übrigens auch für Computerspiele.
Was haben Sie als Kind gerne gespielt?
Die typischen Mädchenspiele: Mutter-Vater-Kind und Seil springen und solche Geschichten. Ich habe mit meinen Freundinnen auch viel zusammen gesessen und geredet, davon geträumt, was wir einmal werden wollen. Das war spannend, auch aber ganz anders als das, was Jungs so machen. Ich glaube, das ist heute zum Teil immer noch so: Jungen sind eher die Jäger und Mädchen eher die Sammlerinnen. Jungs haben eher etwas Kriegerisches, wobei das auch eine Kraft ist, die Mädchen entwickeln können und sollten.
Manchmal wird auch darüber diskutiert, ob Geschichten wie der „Struwwelpeter“ für Kinder geeignet sind. Immerhin sind die Texte oft sehr brutal.
Keine Frage. Das finde ich als Erwachsene auch. Kinder finden das aber nicht. Die denken eher: „Der hätte eben nicht am Daumen lutschen sollen.“ Kleine Kinder sind erst einmal unbefangen. Mit den Jahren legt sich dann immer mehr auf ihre Seele. Jedes Kind macht seine Erfahrungen und die wirken sich auf ihre Empfindungen aus.
Struwwelpeter wurde ja von einem Arzt geschrieben. Das Erstaunliche ist: Heute gibt es immer noch Kinder, die zum Beispiel Zappelphillips sind – sogar mehr denn je. Im Grunde werden im Buch Krankheitsbilder aufgeführt, die es damals schon gab und heute auch noch gibt.
In Deutschland gab es lange keinen Krieg mehr. Was denke Sie: Würden Kinder auch noch Krieg spielen, wenn sie das erlebt hätten?
Ich denke ja – sogar eher mehr, weil sie traumatisiert wären und mit ihren Gefühlen, ihrer Angst und allem, was sie erlebt hätten umgehen müssten. Sie würden es wieder und wieder spielen, bis es jemand sehen würde, der ihnen hilft, bis sie es malen oder eine Therapie machen könnten oder bis sie es selbst verarbeitet hätten. Ich habe schon Situationen erlebt, in denen ich dachte: „Du meine Güte, was ist das denn?“ Da haben ausländische Kinder so eine Erschießungssituation gespielt, auf der Straße.
Es sieht schon anders aus, wenn Kinder Krieg erlebt haben und das nachspielen müssen, um alles loszuwerden. Es ist traumatisch für ganz junge Menschen, wenn sie erleben, wie erwachsene Männer marschieren. Sie wissen nicht: „Holen die mich jetzt? Holen die meinen Vater?“ Kinder spüren Atmosphären sehr gut. Sie müssen nicht sehen, wie jemand erschossen wird, sondern sie spüren, dass da eine Bedrohung ist. Das reicht schon, um ein Kind in einem Kriegsgebiet zu traumatisieren.
Aber um noch mal konkret auf Ihre Frage zurückzukommen: Sie sagen, in Deutschland gab es schon lange keinen Krieg mehr. Dass ist richtig, Gott sei Dank, aber es gibt auch so etwas wie ein kollektives Gedächtnis und das hat die Kriege, die es gab, gespeichert. Erfahrungen, Werte und auch Atmosphären werden von Generation zu Generation weitergegeben. Es gibt manchmal Situationen, auch in einer Therapie, in denen ich denke: „Warum passiert das jetzt?“ Und dann komme ich darauf, dass da ein Opa irgendwas gemacht hat und der Enkel das nochmal durchlebt - stellvertretend sozusagen. Das sind dann auch oft Geschichten, die mit Krieg zu tun haben.





der Rubrik Interview



Neuen Kommentar schreiben