Cover "Sicko"
Michael Moore kritisiert in "Sicko" das Gesundheitssystem der USA. Cover: Universum Film

Der wohl berühmteste Dokumentarfilmer der Welt, Michael Moore, hat sich das amerikanische Gesundheitswesen vorgeknöpft. Das ist erschütternd, witzig und ein bisschen übertrieben.

Hätten Sie gern Ihren Mittelfinger wieder angenäht, für 60 000 Dollar, oder lieber den Ringfinger, für 12 000 Dollar? Solche Entscheidungen müssen manche US-Amerikaner treffen, weil sie nicht krankenversichert sind. Jeder sechste Amerikaner kann es sich finanziell nicht leisten oder wird abgelehnt: zu dünn, zu dick, zu viele Vorerkrankungen.

Mehr Staat gleich Sozialismus?

Schuld daran ist Richard Nixon, der 37. Präsident der USA. Der hatte dem unbegrenzten Profitstreben der Versicherer zugestimmt. Präsidentengattin Hillary Clinton hingegen wollte alles besser machen, also ein staatliches Gesundheitssystem einrichten, und beschwor damit den amerikanischen Albtraum: mehr staatliche Kontrolle gleich Sozialismus. Die Industrie investierte eine Million Dollar, um die Kampagne der First Lady, die der Präsident mit der Aufgabe betraut hatte, zu unterdrücken – und war erfolgreich.

Michael Moores Anliegen in „Sicko“ ist es, den Amerikanern die Augen zu öffnen: Ein staatliches Gesundheitswesen bedeutet nicht, monatelang auf Behandlungen warten zu müssen. Die Kanadier sind von ihrem System begeistert, genauso wie die Briten und die Franzosen. Es geht um die grundsätzliche Entscheidung: entweder das amerikanische Jeder-für-sich oder Solidarität wie in Europa, die dann aber aus Steuern finanziert wird.

Ausflug nach Guantanamo

Das Bemerkenswerteste an diesem Film ist aber nicht der Einblick in das US-Gesundheitssystem, sondern ein Ausflug mit Erkrankten, die am 11. September freiwillig zu Rettern wurden. Die Regierung weigerte sich, die Behandlungskosten der Helfer zu übernehmen. Und an dieser Stelle kommt Michael Moore ins Spiel! Seine Exkursion mit den kranken Helfern von damals führt nach Guantanamo. Im berüchtigten Militärgefängnis sind die medizinischen Verhältnisse verglichen mit denen in den restlichen USA luxuriös.

Anschließend landet die Gruppe auf Kuba. Und siehe da! Auch dort gibt es Ärzte und Apotheken, und zwar nicht nur alle hundert Kilometer. In einem kommunistischen Land! „Der Feind“ hat nicht nur ein kostenloses Gesundheitssystem für seine Bürger, sondern behandelt auch die US-Amerikaner umfassend – und zwar kostenlos.

Michael Moore hat schon immer gern und viel polemisiert, und tut sich auch in „Sicko“ keinen Zwang an. Aufnahmen in Homevideo-Qualität (oft) und Ausschnitte aus sowjetischen Propagandavideos (zu oft) – das macht es leicht, seine Filme nicht für voll zu nehmen. Aber mal ehrlich: Mit kaltem Perfektionismus erzählt, wäre die Geschichte noch gruseliger.

Michael Moore: „Sicko“, Universum Film, 12,99 Euro, Produktionsjahr: 2007

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