Nie wieder weiße Weihnacht? Dr. Patrick Graichen vom Bundesumweltministerium spricht im Schekker-Interview über die aktuelle Klimapolitik und darüber, was ihr für eure Umwelt tun könnt.
Schekker: Fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit oder bevorzugen Sie das Auto?
Dr. Patrick Graichen: Ich fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, ich habe gar kein Auto. Zum einen ist das Auto in der Stadt sehr unpraktisch - man muss ständig nach Parkplätzen suchen und es steht fast nur rum. Und zum anderen halten meine Familie und ich ein Auto aus Umweltschutzgründen auch nicht für sinnvoll.
Wie hat sich unser Klima in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Dr. Patrick Graichen. Foto: Privat
Seit den letzten zwanzig Jahren gibt es deutlich mehr Stürme und Überschwemmungen. Die Zahl der dadurch verursachten Schäden ist weltweit drastisch gestiegen.
Zusätzlich wissen wir, dass die zehn heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in den letzten zwölf Jahren gelegen haben.
Woher kommt dieser Wandel?
Da wir Kohle, Öl und Gas verbrennen, gelangt Kohlendioxid aus der Erde in unseren Lebensraum. Ein zweites Problem ist, dass Wälder abgeholzt werden. Daher verändert sich die Zusammensetzung der Atmosphäre und der Treibhauseffekt wird verstärkt.
Wann wurden die Ausmaße dieser Veränderung erkannt?
1987 war das erste Mal in einer breiten Öffentlichkeit von Klimaschutz die Rede. Der von den Vereinten Nationen in Auftrag gegebene Bericht der damaligen, norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland handelte vor allem von der Idee einer nachhaltigen Entwicklung. Das heißt, eine Entwicklung, die den Ansprüchen der heutigen Menschheit entspricht, ohne jedoch spätere Generationen zu gefährden und in ihren Bedürfnissen einzuengen.
Wie würde sich unser Klima in den nächsten Jahren verändern, wenn es keine Klimapolitik gäbe?
Klimaforscher sagen, dass die globale Temperatur bis zum Jahr 2100 um 6 Grad ansteigen könnte, was eine Katastrophe für Mensch und Natur wäre.
2300 könnte der Meeresspiegel sogar um drastische 7 Meter gestiegen sein und somit eine massive Gefahr für alle Küstenstädte bedeuten.
Wegen der düsteren Klimaprognosen rückt der Umweltschutz besonders in der Politik der EU immer stärker in den Vordergrund. Oft wird von Klimazielen gesprochen. Was können wir uns darunter vorstellen?
Die EU hat sich ein mittelfristiges Ziel bis zum Jahr 2020 gesetzt. Demnach müssen wir unsere Kohlendioxid – Emissionen in Europa um 20 Prozent senken, den erneuerbaren Energieanteil auf 20 Prozent erhöhen und unsere Energieeffizienz um 20 Prozent steigern. Das ist die sogenannte „20-20-20“ Formel bis 2020. Sie wurde 2007 entworfen, um die Klimaveränderungen aufzuhalten.
Für das langfristige Ziel bis 2050 ist Europa bereit, seine Emissionen um 80 – 95 Prozent zu reduzieren, was nichts anderes heißt, als dass es seine Energieversorgung zu diesem Zeitpunkt komplett auf erneuerbare Energien umgestellt haben muss.
Wie beeinflussen die EU-Maßnahmen Deutschland?
Was das betrifft, hat Deutschland sogar ein höheres Ziel übernommen: Bis 2020 wollen wir gegenüber dem Jahr 1990 unsere Kohlendioxid – Emissionen um 40 Prozent vermindert haben. Das heißt, auch wir müssen unseren erneuerbaren Energieanteil auf 20 Prozent ausbauen und im Bereich Energieeffizienz noch einiges tun, um weniger Energie zu verbrauchen.
Wie reagiert die deutsche Bevölkerung auf diese Maßnahmen?
Positiv. Die Bevölkerung findet es zum Beispiel gut, dass wir nun mehr Solaranlagen und Windkraft in Deutschland haben.
Wie geht die Industrie mit den Forderungen um?
Die Industrie ist auch der Auffassung, dass Klimaschutz betrieben werden sollte.
Wenn es dann allerdings konkret wird, gehen ihnen die Maßnahmen oftmals zu weit. Das wiederum führt zu Diskussionen, die schließlich mit einer Abstimmung enden. Trotzdem muss die Bundesregierung natürlich auch Sachen beschließen, die weitergehen als das, wofür sich die Industrie bereit erklären würde.
Gehen die Deutschen seit der Verabschiedung des Klimapakets der EU anders mit der Umwelt um?
Das glaube ich nicht. Klima- und Umweltschutz haben generell einen hohen Stellenwert in Deutschland. Da braucht es keine Bestimmungen von Europa. Die müssen nun sowieso erst einmal in nationale Gesetze umgeformt werden, wofür alle Mitgliedsstaaten zwei Jahre Zeit haben. Dabei dreht sich wieder alles um das 20-20-20 Prinzip, dessen Ziel wir in Deutschland ja schon teilweise umgesetzt haben.
Was hätte es für Folgen, wenn jedes EU-Mitglied die Klimaziele auch umsetzen würde?
Durch dieses Verhalten würde Europa dem Rest der Welt signalisieren, dass es sich am internationalen Klimaschutz beteiligt und erwartet, dass die anderen Staaten, allen voran Amerika und China, ebenfalls in dieser Hinsicht aktiv werden.
Aber allein das Einhalten der 20-20-20 Formel in Europa bremst den Klimawandel nicht. Dazu gehört mehr! Dazu gehört, dass die anderen Staaten der Welt auch mitmachen.
Wer muss sich für die Klimaveränderungen überhaupt verantworten?
Wir alle! Die Bundesregierung muss die Politik machen, die Industrie muss die dafür notwendigen Produkte herstellen. Aber auch die Bürger müssen ihren Beitrag dazu leisten. Wir müssen eben alle zusammen arbeiten!
Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen zu unüberlegt mit ihrer Umwelt umgehen?
Nein, das denke ich nicht. Ich finde aber, wir können alle noch mehr tun!
Grundsätzlich glaube ich, dass in der Bevölkerung auch ein Wissen zu den Auswirkungen eines Klimawandels da ist. Wie drastisch diese Veränderung jedoch ist und dass das Jahr 2050, in dem wir unsere Energieversorgung komplett umgestellt haben müssen, gar nicht mehr so weit weg liegt, ist bei vielen wahrscheinlich nicht im Bewusstsein.
Was können wir, als normale Bürger tun, um unser gewohntes Klima beizubehalten?
Jeder kann etwas tun und das müssen wir auch! Das heißt vor allem Energie sparen: Viele Computer sind den ganzen Tag an, die abgeschaltet werden könnten. Viele alte Kühlschränke oder Waschmaschinen stehen noch herum, die man längst durch neue hätte ersetzen können, die weniger Energie verbrauchen. Genauso sinnvoll wäre es, sich eine Solaranlage auf sein Dach setzen zu lassen. Die Alternativen Bus, Bahn oder Fahrrad gegenüber dem Auto gibt es natürlich auch noch. Jeder einzelne Bürger hat also Möglichkeiten, etwas zu tun!



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