Bringt Jugendlichen seit über dreißig Jahren das Fahren bei: Werner Englert Foto: Yannick Schulze

Klingelnde Handys, Rechts-Links-Schwäche und rasende Fahrschüler: Der Job „Fahrlehrer“ hat es in sich. Werner Englert bringt Jugendlichen seit 30 Jahren das Fahren bei. Dass 14-Jährige noch nicht hinterm Steuer sitzen sollten und warum er manchmal mehr Psychologe als Fahrlehrer ist, erzählt er im Schekker-Interview.

Schekker: Was passierte in Ihrer verrücktesten Fahrstunde?

Werner Englert: Als ich mit einer Schülerin im Auto unterwegs war, klingelte plötzlich ihr Handy. Sie nahm wie selbstverständlich die Hände vom Lenkrad und drehte sich nach hinten, um das Handy in ihrer Tasche zu suchen. Ich habe gebremst, und dann hat sie erst begriffen: Wir fahren gerade in einem Auto.

Schekker: Hatten Sie jugendliche Fahrschüler, denen Sie am liebsten gar keinen Führerschein gegeben hätten?

Englert: Ja, aber nur wenige. Einmal hatte ich einen Fahrschüler, der keine Abstände einschätzen konnte. Er sah schlecht, obwohl er den Sehtest beim Optiker bestanden hatte. Ich hoffte, dass er nie den Führerschein bekommt, weil er eine Gefährdung für den Straßenverkehr war. Aber er hat den Führerschein trotzdem bekommen.

Schekker: In manchen Staaten der USA bekommen Jugendliche schon mit 14 einen Führerschein auf Probe. Was ist denn das perfekte Alter für den Führerschein?

Englert: Das perfekte Alter für den Autoführerschein ist 17, weil die Schüler in diesem Alter mit vollem Ernst bei der Sache sind. 14-Jährige sind zum Fahren noch zu jung, weil sie noch keine Verantwortung im Straßenverkehr übernehmen können: Sie können Abstände nur schwer einschätzen und den Verkehr auf der Straße nicht überblicken und verarbeiten. Auch können manche 14-Jährige noch nicht einmal über das Lenkrad schauen.

Schekker: In Deutschland gibt es seit Januar 2008 das begleitete Fahren mit 17. In Neuseeland darf man sich ab 15 nach einer Theorieprüfung von seinen Eltern das Fahren beibringen lassen. Was ist sinnvoll?

Englert: Beide Modelle sind sinnvoll! Das Fahren in Neuseeland und in Deutschland kann man so nicht vergleichen, denn in Deutschland gibt es viel mehr Verkehr. Wichtig ist: Fahrschüler brauchen eine gute Ausbildung. Die erhalten sie auch von ihren Eltern im Rahmen des begleitenden Fahrens. So können auch die Eltern noch von den Fahrschülern etwas lernen. Das deutsche Modell ist auf jeden Fall sehr erfolgreich. In anderen Staaten der europäischen Union wird das System kopiert und verbessert: In Frankreich beispielsweise dürfen Fahrschüler am Ende der Ausbildung mit ihrem eigenen Auto vor dem Fahrlehrer fahren. Dabei sind sie noch über Funk, wie bei Motorradfahrtstunden, mit dem Fahrlehrer verbunden.

In Australien und Neuseeland ist es aber durchaus okay, wenn Jugendliche schon mit 15 oder 16 Auto fahren, denn diese Länder sind nicht so stark besiedelt und es gibt nur wenig Verkehr.

Schekker: Fallen eigentlich mehr 17- oder 18-Jährige durch die Fahrprüfung?

Der Fahrerlehrer Werner Englert mit einem Fahrschüler in einem blauen Auto.
"Wer lernt, macht Fehler". Fahrlehrer Werner Englert in Aktion
Foto: Yannick Schulze

Englert: Es gibt fast keinen Unterschied. Vielleicht sind die Jüngeren einen Hauch besser, weil sie mit dem nötigen Ernst dabei und heiß auf die Fahrerlaubnis sind.

Schekker: Sind Jugendliche über die Jahre, in denen Sie als Fahrlehrer arbeiteten, reifer geworden, und dürfen deshalb ihren Führerschein früher machen?

Englert: Obwohl Fahrschüler heute teilweise geistig reifer sind als vor zehn oder 15 Jahren, haben sie heute weniger technisches Verständnis. Sie haben also weniger Gefühl dafür, wie ein Auto funktioniert.

Schekker: Hat sich Ihr Beruf im Laufe der Zeit verändert?

Englert: Ja, auf jeden Fall: Er wurde viel komplexer. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Ausbildungszeit verlängert hat und wir heute mehr Theorie vermitteln. Fahrlehrer müsste heute eigentlich ein Lehrberuf sein, der mehr Wert auf Pädagogik und Psychologie legt. Manche Jungfahrlehrer haben keinen blassen Schimmer davon.

Schekker: Würden Sie heute noch empfehlen, Fahrlehrer zu werden?

Englert: Wenn man ein absoluter Idealist ist, es liebt, mit anderen Menschen zusammen zu sein, man anderen Menschen etwas beibringen will, auf Chaos steht, morgens gerne länger schläft und abends länger arbeiten will und etwas masochistisch ist, dann ist Fahrlehrer der richtige Beruf. Oft machen nämlich Fahrschüler immer wieder dieselben Fehler. Deshalb darf ich nicht aus der Ruhe kommen und muss weiter an meine Fahrschüler glauben. Viele Jungfahrlehrer scheinen oft mit zu großen Erwartungen in den Beruf zu gehen: Die meisten von ihnen beenden ihre Karriere nach zwei oder drei Jahren.

Schekker: Sprechen Sie mit den Fahrschülern denn auch viel über deren privaten Probleme?

Englert: Ja. Meist merke ich am Fahrstil und an der Körpersprache, wenn mit dem Fahrschüler etwas nicht stimmt. Dann halten wir an und sprechen darüber. In meiner Laufbahn habe ich die verschiedensten Dinge mitbekommen: Misshandlungen im Elternhaus oder Mobbing in der Schule und im Beruf. Meist hilft es den Jugendlichen, wenn sie über ihre Probleme sprechen.

Schekker: Was tun Sie gegen die Angst vor der ersten Autofahrt?

Englert: Ich spreche mit dem Schüler über das Auto, dann sehen wir uns die Maße des Wagens an, damit der Schüler ein erstes Gefühl dafür bekommt, wie viel Platz er zum Einparken und Manövrieren braucht. Wenn wir losfahren, lenkt und blinkt der Schüler nur und ich fahre den Wagen. Das machen wir in einer ruhigen Gegend. Auch spreche ich mit meinen Fahrschülern über ihre Ängste beim Autofahren. Bei Jugendlichen, die schon einmal in einen Unfall verwickelt waren, ist das besonders wichtig, weil sie das Autofahren oft automatisch mit dem Unfall verbinden. Eine gute Fahrstunde zeichnet sich durch eine angenehme und entspannte Atmosphäre aus. Während wir fahren, unterhalten wir uns oder hören Musik. Ziel ist es, dass sich die Schüler auf die nächste Fahrstunde freuen. Wenn sie das nicht tun, hat der Fahrlehrer versagt.

Schekker: Was war die peinlichste Sache, die Ihnen bei der Arbeit passiert ist?

Englert: Eine peinliche Geschichte ist mir vor rund 15 Jahren passiert: Als ich mit einem guten Schüler unterwegs war, bin ich eingeschlafen und als ich aufwachte, wusste ich nicht mehr, wo ich war.

Schekker: Was würden Sie einem Fahrschüler nie verzeihen?

Englert: Wenn ein Schüler nach dem Bestehen der Prüfung aus dem Auto springt und geht, ohne „Tschüss“ zu sagen. Bei allen anderen Dingen sage ich: „Wer lernt, macht Fehler.“ Aber Danke sagen gehört einfach dazu.

Schekker: Danke für das Interview!

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