Martin Durm ist ARD-Korrespondent in Straßburg. Er berichtet für Radiosender in ganz Deutschland über die Sitzungen des Europäischen Parlaments. Mit Schekker sprach er über seine Arbeit.
Martin Durm kommt zu spät zum Interviewtermin: Entschuldigen Sie. Aber ich bin im Moment auf einer anderen Baustelle.
Schekker: Wo bauen Sie denn?
Durm: Heute ist mal wieder ein typischer Tag in der Parlamentsberichterstattung: Es stehen viele verschiedene Themen auf dem Plan, unter anderem geht es um Truppeneinsätze im Ausland. Ich soll über alles berichten, habe aber im Grunde von jedem Thema nur einen blassen Schimmer – also gerade mal die Überschrift für den Beitrag. Das Schöne ist, dass ich meine mangelnde Themenkenntnis mit vielen Abgeordneten teile. Wirklich Bescheid über die einzelnen Diskussionen hier wissen nur die Berichterstatter, also die Abgeordneten, die sich intensiv mit nur einem Thema auseinandersetzen und einen Bericht für die anderen Parlamentarier verfassen.
Schekker: Wird im Europäischen Parlament denn auch über Themen entschieden, die Jugendliche etwas angehen?
Durm: Jugendliche geht Europa genau so viel an, wie Erwachsene. Sie interessieren sich nur verdammt wenig dafür. Und das unterscheidet sie nicht vom Rest der Bevölkerung. In Straßburg werden Dinge entschieden, die in unser aller Leben eingreifen. Oft geht es um Arbeitsplätze oder zum Beispiel die Zukunft der Bauern.

Jeden Tag begegnen wir Europa, aber wie viel wissen wir wirklich darüber?. Foto: Marc-Steffen Unger.
Schekker: Wieso, glauben Sie, interessieren sich viele Bürger nicht für Europa?
Durm: Das Europäische Parlament ist einfach nicht sexy. Sie kennen ja nicht mal die Gesichter, die hier im Parlament sitzen. Mir ging es auch nicht anders, als ich nach Straßburg kam. Der Bundestag ist den Deutschen Bürgern einfach vertrauter: Sie kennen Berlin, den Reichstag und zumindest einige der Politiker.
Für uns Europa-Berichterstatter und die Abgeordneten ist es frustrierend zu wissen, dass das Europäische Parlament zwar bei 70 - 80 Prozent aller Gesetzgebungsverfahren mit entscheidet, von den Bürgern aber trotzdem nicht wahrgenommen wird. Europa hat einen schlechten Ruf. Und es leidet daran.
Schekker: Hat die Jugend denn eine Lobby, eine Interessenvertretung, in Straßburg?
Durm: Nicht, dass ich wüsste. Die Jugendorganisationen der politischen Parteien haben auf Europa-Ebene sicher etwas zu sagen. Ansonsten ist hier nur die Tabak- und Energielobby wirklich gut vertreten. Die Jugendlichen besichtigen das Parlament höchstens und kommen dabei in Kontakt mit den Abgeordneten.
Jens Pottharst, der Pressesprecher des EU-Parlaments unterbricht: Vergessen Sie nicht die Youthmediadays. Die haben ein Büro in Brüssel.
Durm: Aber die sind ja schon überzeugte Europäer. Wichtiger wäre es, Aktionen zu starten, um die Leute an Europa heranzuführen, die sich noch nicht dafür interessieren.
Schekker: Tragen Sie nicht auch eine Mitschuld daran, dass sich die Jugend nicht für Europa interessiert? Oft ist die Berichterstattung kompliziert und für viele nicht verständlich.
Durm: Ich kann nicht beurteilen, ob ich Themen gut für Jugendliche aufbereiten kann. Doch das Problem liegt sowieso tiefer: Die Themen sind meist komplizierter, als es Jugendwellen und Privatsender darstellen wollen. Die sagen lieber, dass das Parlament ein korrupter Haufen ist, dass die Abgeordneten nach Straßburg kommen, sich mit Prostituierten vergnügen und dabei zu viel verdienen. Das ist einfacher, als zum Beispiel das komplexe Prinzip der Milchquote zu erklären.
Schekker: Sind die Vorwürfe gegen die Abgeordneten denn an den Haaren herbeigezogen?
Durm: Die Abgeordneten wollen im Grunde Gutes für die Bürger tun - auch für die Jugendlichen. Prostitution gab es in Straßburg schon immer. Und Politiker sind eben auch nur Menschen.
Schekker: Danke für das Interview.






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