Bernhard Kühnle ist Ministerialdirektor im Verbraucherschutzministerium. Foto: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Isst ein Ernährungsexperte nur gesunde Lebensmittel? Nein, ab und zu darf’s auch mal eine Currywurst sein. Bernhard Kühnle ist Abteilungsleiter für Ernährung, Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit im Bundesverbraucherschutzministerium. Im Schekker-Interview erklärt er, was ausgewogene Ernährung bedeutet und worauf Verbraucher beim Lebensmittelkauf achten sollten.


Schekker.de: Sie arbeiten im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz – Was sind dort Ihre Aufgaben?

Bernhard Kühnle: Unter anderem betreibe ich „Ernährungskommunikation.“ Unsere Aufgabe ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten. Ein qualitativ hochwertiges Lebensmittel nutzt bei einer generell schlechten Ernährung wenig.  Darum zeichnen wir z.B. vorbildliche Kantinen aus und fördern die Aufklärung in Schulen. Wir klären die Menschen dort darüber auf, wie eine ausgewogene Ernährung aussehen sollte.

Die Abteilung umfasst verschiedenste Themengebiete. Wie lassen sich diese miteinander verbinden?

Auch die Gesundheit der Tiere ist wichtig, denn nur gesunde Tiere können gesunde Lebensmittel liefern. Außerdem beinhaltet der Begriff „Ernährung“, nicht nur die reine Nahrungsaufnahme. Ernährung bedeutet auch „genießen“ und „sich wohlfühlen.“ Für viele Verbraucher zählen nicht mehr nur Geschmack und Optik eines Produkts. Auch ihr Gewissen sitzt quasi mit am Tisch. Aus diesem Grund fordern sie Lebensmittel, die ohne Tierquälerei produziert wurden. Die Devise des BMELV lautet: „Lebensmittelsicherheit vom Acker oder Stall bis zum Teller.“

Bio-Logos, Lebensmittelampeln und Zutatenlisten – wie erfahre ich als Verbraucher, was tatsächlich in meinen Lebensmitteln steckt?

Auf jedem Lebensmittel befindet sich ein Zutatenverzeichnis. Laut Gesetz müssen dort sämtliche Zutaten in abnehmender Reihenfolge der Verwendung aufgezählt werden. An erster Stelle steht also der Hauptbestandteil und ganz am Ende meist die Zusatzstoffe. Weil manche Zusatzstoffe einem Großteil der Verbraucher unbekannt sind, gibt es – von uns gefördert – Internetverzeichnissen und Apps, die Aufschluss darüber geben können.

Wie sieht die in Ihren Augen ideale Lebensmittel- und Nährwertkennzeichnung aus?

Meiner Meinung nach ist der Energiegehalt eines Lebensmittels die wichtigste Information. Das Hauptproblem der heutigen Gesellschaft ist nicht Nährstoffmangel, sondern Überernährung. Häufig fehlt aber die Vergleichbarkeit des Energiegehalts ähnlicher Produkte. Am sinnvollsten ist in meinen Augen zum einen die Angabe der Kalorien für hundert Gramm oder hundert Milliliter und zum anderen für eine Portion. Momentan sind die angegebenen Portionsgrößen oft noch unrealistisch bemessen. Das sollte sich ändern, damit allen, die auf ihre Ernährung achten möchten, das Kalorienzählen erleichtert wird. 

Im Juni startete das Projekt „Lebensmittelklarheit“, eine Kooperation der Verbraucherzentrale und des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Worum genau geht es bei diesem Projekt?

Die Internetseite www.lebensmittelklarheit.de soll vor allem als Diskussionsplattform fungieren. Verbraucher können zum Ausdruck bringen, von welchen Produkten sie sich getäuscht fühlen. Es geht allerdings nicht darum, eindeutige Gesetzesverstöße anzuprangern. Stattdessen werden Fälle fassbar gemacht werden, die gesetzlich schwer zu greifen sind,  weil nicht jedes Teil einer Verpackung in einem Gesetz geregelt werden kann. Bisher ist das Projekt „Lebensmittelklarheit“, ein großer Erfolg. Viele Firmen haben auf die Kritik der Verbraucher reagiert und beispielsweise irreführende Packungs-Aufmachungen geändert. Z.B. dürfen nämlich nur Bilder von tatsächlich verwendeten Zutaten auf den Packungen abgebildet werden.

Scheinbar läuft bei der Lebensmittelkennzeichnung zurzeit noch einiges schief. Wo herrscht Ihrer Meinung nach der größte Handlungsbedarf?

Wie bereits erwähnt, halte ich die Portionsangaben auf vielen Lebensmitteln für unrealistisch. Das macht nach wie vor das Kalorienzählen schwer. Auf einer Packung von Schwarzwälder Schinken fand ich die Angabe,  eine Portion wiege 10 Gramm. Ich habe das mal abgewogen und festgestellt, dass das ein winziger Fetzen ist. Ein normaler Verbraucher isst mindestens fünfmal mehr. Wenn jemand tatsächlich während einer Diät auf seine Energiezufuhr achten möchte, muss er manchmal echt fit im Dreisatz sein.

Bei all der Kritik – was hat sich bereits zum Positiven geändert?

Zahlreiche Hersteller warben in der Vergangenheit mit dem Aufdruck „ohne künstliche Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe.“  Auf Lebensmittelklarheit haben sich viele Verbraucher darüber beschwert, , dass bei dieser Aussage getrickst wurde. Ein gängiger Geschmacksverstärker ist Natriumglutamat. Dieses wurde zwar nicht mehr verwendet, stattdessen aber Hefeextrakt. Hefeextrakt gilt nicht als Geschmacksverstärker, enthält aber große Mengen natürliches Glutamat. Der Widerstand der Verbraucher hat bewirkt, dass sich bei mittlerweile fast allen betroffenen Produkten die Werbung oder die Inhaltsstoffe geändert haben.

Worauf kann und sollte ich beim Einkaufen und meiner Ernährung achten, um mich „richtig“ zu ernähren?

Wer nicht übergewichtig ist, muss keine Kalorien zählen. Wichtig ist, eine ausgewogene Ernährung. Das bedeutet, frisches Obst und Gemüse zu essen. Auch Milch-, Fisch-, Fleisch- und Vollkornprodukte gehören dazu. Und etwas Süßes in Maßen ist kein Problem. Nahrungsergänzungspillen mit Mineralien und Vitaminen braucht kein gesunder Mensch schlucken, der sich ausgewogen ernährt.

Nicht nur eine gesunde Ernährung spielt eine Rolle für ein gesundes Leben. Was tun Sie selbst, um gesund und fit zu bleiben?

Ich treibe ein- bis zweimal pro Woche Sport. Auch, wenn ich für den Job zwischen Berlin und Bonn hin und her pendle, versuche ich zu geregelten Zeiten zu essen und den Fitnessraum im Hotel zu nutzen. Außerdem achte ich darauf, mich vielfältig zu ernähren. Dazu gehören viel Obst und Gemüse.


Currywurst muss auch mal sein: Eine
Sünde darf bei all der Lebensmittel-
Gesundheit nicht fehlen.
Foto: Betty / pixelio.de

Hand aufs Herz – gibt es auch bei Ihnen zu Hause mal Currywurst und Pommes rot-weiß?

Oh ja, auch ich „sündige“ ab und zu. Man sollte sich keine zu strengen Regeln auferlegen. Essen muss Spaß machen.

Was halten Sie von Bioprodukten aus regionalem Anbau? Kaufen Sie selbst nur beim Bio-Bauern oder dürfen es auch mal Kiwis aus Neuseeland und Bananen aus Costa Rica sein?

Wenn ich am Wochenende mal zu Hause bin, kaufe ich tatsächlich beim Bio-Bauern um die Ecke ein. Mein Wein hingegen muss nicht unbedingt aus der näheren Umgebung kommen. Bei Obst- und Gemüse bin ich allerdings wiederum sehr achtsam, was den Anbau angeht. Erdbeeren schmecken mir im Winter nicht, das passt einfach nicht. Im Sommer esse ich ja schließlich auch keine schweren Eintöpfe. Saisonalität kann Spaß machen, wenn man sich darauf einlässt.

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