Oft pauschal als "Hooligans" verunglimpft: Die Ultras. Foto: SpVgg Greuther Fürth

Prügeleien mit gegnerischen Fans, Attacken auf Polizisten, gezündete Pyrotechnik – seit Jahren häuft sich die Gewalt in Fußballstadien. Was kann ein Verein dagegen tun? Der Fan-Betreuer Nicolas Heckel kommuniziert zwischen Verein und Fans der Spielvereinigung Greuther Fürth.

Ein ganz normales Fußballspiel der Bundesliga. Gemütlich fahre ich mit dem Auto in Richtung Stadion-Parkplätze. Doch dann: ein lauter Knall direkt neben mir. Plötzlich steigen rote Rauchschwaden auf. „Angst! Hilfe! Was ist das?“, rast es mir durch den Kopf. Nach ein paar Sekunden realisiere ich, dass direkt neben mir „besonders motivierte“ Gäste-Fans Pyrotechnik gezündet haben. Außer einem Schock passiert glücklicherweise nicht mehr. Aber das ist nicht immer so.

846 Menschen wurden laut der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ in der vergangenen Saison bei Erst- und Zweit-Ligaspielen auch im Rahmen von Fan-Krawallen verletzt. Erst Anfang dieses Jahres gab es bei dem Hamburger „Schweinske-Cup“ eine Prügelei zwischen St. Pauli- und Lübeck-Fans. Das Resultat: über 70 Festnahmen und rund 90 Verletzte.

Wie aber gehen die Vereine mit gewaltbereiten und extremen Fangruppierungen um? Muss man als Fan jetzt bei einem Stadionbesuch Angst haben?

Fanbetreuer in einer Vermittlerposition


Vermittler zwischen Fans und Verein: Nicolas Heckel. Foto: SpVgg Greuther Fürth

Inzwischen hat eigentlich jeder Bundesligaverein einen Fan-Beauftragten beziehungsweise Fan-Koordinator. Der Deutsche Fußball Bund sieht diesen einerseits als Sprachrohr der Fans und andererseits als Sachwalter des Vereins. „Ich habe quasi eine Vermittlerfunktion inne“, erzählt Nicolas Heckel. Der 32-Jährige berichtet dem Verein über die Geschehnisse in der Fan-Szene und übermittelt Fan-Anliegen. Größtenteils hat er dieselben Aufgaben wie Fan-Beauftragte anderer Vereine. Jedoch ist jede Fan-Szene unterschiedlich und deshalb ist die Frage nach der Lösung von Problemen von Verein zu Verein anders.

Während des Gesprächs merkt man schnell, dass der Fan-Beauftragte mit Leib und Seele bei der Sache ist. „Ich wurde schon im Kinderwagen ins Stadion geschoben“, erzählt er lachend. Eine Tatsache, die für seinen jetzigen Beruf von Vorteil ist. Denn dadurch kennt sich Heckel bestens in der Szene aus und konnte schnell eine Vertrauensbasis zu den Anhängern aufbauen.

Kommunikation als beste Maßnahme

Vertrauen ist deshalb so wichtig, weil der Fürther Fan-Betreuer intensiv auf die Verständigung mit den Fans setzt. Kommunikation ist für ihn das A und O. „Ich versuche immer auf die Leute zuzugehen und mit ihnen zu reden“, erklärt er.

So berichtet er von anregenden und intelligenten Diskussionen mit Mitgliedern der Ultra-Szene. Wirft man jedoch einen Blick in die Zeitung verbindet man „Ultra“ eher gewalttätige Fans. Ein Aussage, die den Fan-Koordinator erst einmal aufseufzen lässt. Denn im Gegensatz zu Hooligans, die mit dem Ziel, Gewalt zu verüben zu einem Fußballspiel gehen, haben sich die Ultras komplett dem Verein verschrieben. Sie unterstützen ihre Mannschaft mit voller Hingabe.


Auf den Rängen ist Politik kein Thema. Foto: SpVgg Greuther Fürth

„Mit ihren Ansichten ecken die Ultras aber auch des öfteren an“, weiß Heckel. Außerdem sieht diese Fan-Gruppierung die Polizei als Feindbild an. So treten beispielsweise Probleme auf, wenn sich ein Fan von einem Polizisten provoziert fühlt. „Dann entsteht innerhalb der Gruppe immer ein Solidarisierungsgefühl und alle wenden sich gegen die Polizei.“ In solchen Fällen versucht der Fan-Betreuer die Situation zu deeskalieren. „Ich sage den Fans dann immer: Versetz dich einmal in die Lage eines Polizisten. Was würdest du an ihrer Stelle tun?“

Er ist da, wenn es brenzlig wird

Damit er in solchen Momenten schnell vor Ort ist und handeln kann, verbringt Heckel jede Partie in Fan-Nähe. In brenzligen Situationen trennt er die Streithähne dann so schnell wie möglich. Zu vielen Auswärtsspielen wird er auch von dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins begleitet, damit sie das Geschehen besser im Blick haben. „Es ist oft besser, wenn ich dazwischen gehe, als wenn das Außenstehende wie die Polizei oder Sicherheitsleute machen“, erklärt er. Es würde aber sehr selten etwas passieren.

Bei sich anbahnenden Konflikten hilft ihm sein gutes Verhältnis zu den Fans, die ihn respektieren. „Die Ultras kommen auch von sich zu mir ins Büro, wenn sie etwas stört“, erzählt Heckel. In schlimmen Fällen spricht der Verein dann aber auch mal ein Stadionverbot aus.

Immer im Dienste der Fans

Unter der Woche gilt für den Fanbeauftragten dann das Motto „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Vor Auswärtsspielen erkundigt sich Heckel bei dem gegnerischen Verein nach den Sicherheitsbestimmungen, klärt welche Fanutensilien der Fürther Anhang mitnehmen darf und spricht mit dem Fanbeauftragten des Heimvereins. Anschließend gibt er die Informationen dann an die eigenen Fans weiter.

Daneben besucht Heckel Fanstammtische und organisiert beispielsweise auch die Reise der Fans zum Wintertrainingslager in der Türkei. Er entscheidet aber auch zusammen mit dem Fürther Sicherheitsbeauftragten über einzelne Stadionverbote. „Jeder Fan hat die Möglichkeit zu einer Anhörung“, erklärt der 32-Jährige. Erst dann wird über den Fall entschieden.

Nach den zuletzt gehäuften Ausschreitungen in den Stadien fordern einige Funktionäre härtere Strafen für auffällige Fans. Nicolas Heckel hält davon aber wenig. Seiner Meinung nach ist es viel sinnvoller, den Beschuldigten ihr Fehlverhalten zu erklären, als an der „Strafenschraube“ zu drehen.

Kein Verbindung zu extremistischen Gruppen

Auch wenn es immer wieder gewaltbereite Fans gibt, sieht der Fan-Koordinator keine Verbindungen zu extremistischen Gruppen. „Unsere Fans sind sehr linksorientiert und deshalb gegen Rechtsextremismus eingestellt.“ Er erzählt von einem Vorfall, als ein Fürth-Fan in der Kurve den Hitler-Gruß zeigte. „Da sind die Fans dann selbst eingeschritten“, erklärt der Heckel. Linksextreme Strömungen kann er ebenfalls nicht feststellen: „Politik ist im Fürther Stadion kein Thema.“

Alles in allem ist die Fürther Fanszene aber friedlich, sodass Familien problemlos zu den Spielen gehen können. Denn an eine Sache erinnert der Fan-Beauftragte seine Fans immer wieder: „Auch wenn die Stimmung aufgeheizt ist, ist es doch nur ein Fußballspiel.“

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