Die Akropolis in Athen. Foto: Katja Schimpke, jugendfotos.de

In Griechenland kriselt mehr als nur der Euro. Schekker-Autorin Anna lebt derzeit in Griechenland und hat sich für euch umgehört, wie junge Griechen die Lage ihres Landes sehen.

In den letzten Monaten war viel in deutschen und ausländischen Medien über die Situation in Griechenland zu lesen, zu hören und zu sehen: von Straßenschlachten, Vandalismus und Demonstrationen.

All das gab es in den großen Städten Griechenlands: Athen und Thessaloniki. Ich lebe seit über zwölf Monaten auf der Insel Lefkada im Westen Griechenlands. Hier mache ich seit einem Jahr meinen Europäischen Freiwilligendienst in einem Altenheim. Und ganz ehrlich? Demonstrationen, geschweige denn blutige Auseinandersetzungen mit der Polizei haben wir hier nicht. Das bedeutet aber nicht, dass es den Jugendlichen auf der Insel oder irgendwo anders in Griechenland egal wäre, was derzeit in ihrem Land passiert. Im Gegenteil. Überall macht sich Wut, Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bemerkbar.

Wut im Bauch

"Eine Krise? Die gibt es nicht, die ist nur in den Köpfen der Europäer. Jeder sieht die Situation so wie er will." So sieht der Grieche Giorgios*, 30, selbstständig, die derzeitige Situation in seinem Land.

Was sind die Gründe für die Wut und Verzweiflung der jungen Griechen? „Wir haben keine Jobaussichten, müssen mit 30 wieder bei den Eltern wohnen, die Schulden für dieses künstlich erstellte Finanzproblem abbezahlen, und unser staatliches Sozialsystem steht vor dem Kollaps.“ In diesen Dingen sind sich Giorgios, Eleni* (17, arbeitssuchend) und Kostas* (29, Saisonarbeiter) einig. Kostas erklärt die Demonstrationen vieler jungen Menschen so: „Die Menschen gehen auf die Straße, weil offensichtlich die Finanzkrise hauptsächlich die sozial und wirtschaftlich unteren Schichten betrifft. Doch den jungen Menschen wird immer mehr bewusst, dass sie bei der Entscheidungsfindung nicht repräsentiert sind.“

Am 29. Juni 2011 hat das griechische Parlament das radikale Sparpaket der Regierung gebilligt. Damit erfüllt Griechenland eine elementare Forderung der EU. Dem folgte ein Aufschrei der gesamten Bevölkerung Griechenlands.

Es wurde über den „Verkauf des eigenen Landes“, den „Verrat durch die eigene Regierung“ und „die Mafia, die das eigene Land ausraubt“  geschimpft. Kostas fühlt sich von der Regierung übergangen und meint: „Ich möchte ein Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, was meinen Kindern beigebracht wird, wie meine Steuern genutzt werden und wie Freiheit definiert wird. Jedes Mal, wenn ich wählen gehe, entscheide ich mich für vielversprechende und großartige Wahlkampagnen. Doch in der Realität hält niemand die Versprechen.“

Die EU als nette, aber nicht funktionierende Idee


Wie ist die Stimmung im Land?
Anna (links) befragte junge Griechen.
Foto: privat

Wochen zuvor hatte Angela Merkel Druck auf Griechenland ausgeübt, den 110 Milliarden Euro starken Hilfsfonds anzunehmen. Denn für die Bundeskanzlerin steht fest: Griechenland muss in der Euro-Zone bleiben, da ansonsten ein Dominoeffekt eintreten werde und es anderen Ländern wie Spanien ähnlich erginge. Die Ausschreitungen in Spanien und in England werden auch hier in Griechenland verfolgt.

Mit einem kleinen Lächeln meint Kostas: „Da sieht man, dass etwas sehr falsch läuft und zwar nicht nur auf lokaler Ebene, sondern auch auf globaler.“ In der Euro-Zone wollen die Griechen, mit denen ich spreche, gar nicht bleiben. Die sei sowieso „nur eine nette, aber nicht funktionierende Idee“, erklärt Maria* (25, Eigentümerin einer Pizzeria).

Das Rettungspaket der EU war kein Geldgeschenk, wie man es von der Oma zu Weihnachten bekommt. An die Annahme des Geldes ist die Bedingung geknüpft, dass Griechenland sparen muss. Deshalb hat die griechische Regierung ein Sparpaket verabschiedet, das sich gewaschen hat: Unter anderem werden das Rentenalter und die Mehrwertsteuer angehoben, Staatseigentum wird privatisiert, darunter auch Universitäten.

Akzeptabel? Nicht für die Griechen. Kostas fühlt sich ungerecht behandelt: „Die EU war ein wahr gewordener Traum. Eine Region von Freiheit ohne Grenzen, mit Werten und Verständnis für Entwicklung. Diese Finanzkrise verwandelt Europa in einen Tyrannen, der den Griechen ihr Leben diktieren will. Ist das gerecht?“

Mit einem Blick für die künftigen Jahre meint der junge Grieche: „ Meine Zukunft? Naja, die Dinge sehen derzeit nicht wirklich gut aus.“

* Alle Namen der interviewten Personen wurden geändert.

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