Dr. Christian Fiedler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB. Foto: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat seine Aufgaben kurz und knackig über seine Initialen definiert: „Bevölkerungswisschenschaftlich forschen, informieren, beraten“. Im BiB forschen Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zur Bevölkerungsentwicklung. Jüngstes Ergebnis: Der Demografiebericht der Bundesregierung.

Dr. Christian Fiedler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB, sprach mit uns über das Positive an der Alterung unserer Gesellschaft und die Gründe für Unterschiede zwischen Ost und West bei der Geburtenrate.

Wie hoch liegt momentan die Geburtenrate in Deutschland und wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern?

Dr. Christian Fiedler: Der gängigste Wert, um die Geburtenrate zu vergleichen, ist die zusammengefasste Geburtenziffer, die in Deutschland gegenwärtig bei 1,39 Kindern pro Frau liegt. Mit diesem Wert belegen wir innerhalb Europas einen der hinteren Plätze. Von den größeren europäischen Ländern haben nur Portugal und Ungarn eine niedrigere Geburtenziffer. An der Spitze stehen Island, die Türkei und Irland – dort bekommen die Frauen im Durchschnitt etwas mehr als zwei Kinder.

Gibt es zwischen Ost- und Westdeutschland noch Unterschiede bei der Geburtenrate?

Die Geburtenraten in Ost- und Westdeutschland haben sich in den letzten Jahren weitgehend angeglichen. Zwar liegt der Wert in den neuen Ländern mit 1,46 Kindern pro Frau leicht über dem Niveau des Westens, dennoch sind die großen Unterschiede innerhalb Deutschlands verschwunden. Man muss sich vor Augen halten, dass die Geburtenrate in Ostdeutschland nach der Wende regelrecht eingebrochen ist und in den frühen 1990er Jahren nur bei 0,8 lag!

Dennoch gibt es immer noch prägnante Unterschiede zwischen Ost und West. In Ostdeutschland beispielsweise sind die Mütter im Schnitt jünger als im Westen und bekommen häufiger uneheliche Kinder. Im Westen gibt es einen höheren Anteil von Frauen, die ihr ganzes Leben lang kinderlos bleiben.

Wie lassen sich diese Unterschiede erklären?

Die Ursachen für diese Unterschiede sind vielfältig und haben viel mit überlieferten Einstellungen und Werten zu tun. Aus Umfragen wissen wir zum Beispiel, dass es viele Westdeutsche nicht gut finden, wenn Mütter junger Kinder arbeiten gehen. Hier kommt schnell das Bild der „Rabenmutter“ ins Spiel. Im Osten hingegen ist Arbeiten und Muttersein fast die Norm. Dabei hilft natürlich auch die bessere Ausstattung mit Kindertagesstätten und Betreuungseinrichtungen in den neuen Ländern.

Welcher Trend lässt sich beim Altenquotienten, also dem Verhältnis der nicht mehr erwerbsfähigen Bevölkerung zur erwerbsfähigen Bevölkerung, erkennen? 

Demografiebericht der Bundesregierung 2011:
In Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten die Bevölkerungszahl sinken und der Anteil der älteren Menschen deutlich steigen. Dies stellt große Anforderungen an die Sozialversicherungssysteme aber auch an das Bildungssystem. Der Bericht dokumentiert, was in den vergangenen Jahren von Seiten der Politik zur Bewältigung der demografischen Veränderungen unternommen wurde und zeigt die aktuellen Handlungsfelder auf.

Gegenwärtig liegt der Altenquotient bei 34 über 64-Jährigen im Verhältnis zu 100 der 20- bis 64-Jährigen. Er wird aber in Zukunft stark ansteigen. Das liegt vor allem daran, dass die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre – die sogenannten „Babyboomer“ – bald in den Ruhestand gehen werden. Bevölkerungsvorausberechnungen gehen davon aus, dass im Jahr 2040 der Altenquotient 62 betragen wird.

Was bedeutet dieser Wert für die heutigen Jugendlichen?

Es wird im Vergleich zu heute sehr viel mehr ältere und weniger junge Menschen geben. Das wird neue Aufgaben und Herausforderungen bringen. Generell dürften sich die Chancen für die Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, weil viele Ältere aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Eine Folge könnten außerdem mehr Arbeitsplätze in den Bereichen Medizin, Therapeutik und Pflege sein.

Wie kann man ein gutes Verhältnis der Generationen zueinander trotz finanzieller Belastungen erreichen?

Das Verhältnis zwischen den Generationen kann man nicht nur an finanziellen Maßstäben bemessen. Wenn Großeltern die Enkelkinder betreuen oder Jugendliche für Senioren den Einkauf erledigen, dann ist das mit einer geldwerten Leistung nicht zu quantifizieren. Es sind vor allem auch emotionale Bindungen innerhalb von Familien, die den Generationenvertrag im Ganzen stützen.
Vor 30 Jahren sahen laut einer Umfrage 55% der Deutschen einen Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt, im letzten Jahr nur noch 40%. Damit dieser Wert weiter sinkt, müssen sich alle Generationen zusammentun.

Wie kann man dafür sorgen, dass sich die Alterung unserer Gesellschaft nicht weiter fortsetzt?

Der Alterungsprozess verhält sich wie ein großer Ozeandampfer – wenn er in Fahrt gekommen ist, dann ist es schwer, ihn abzubremsen. Das trifft auch auf unsere Bevölkerung zu. Die Alterung wird in den nächsten Jahren definitiv nicht aufzuhalten sein, weil die Lebenserwartung und die Zahl älterer Menschen weiter steigen werden. Notwendig wäre eine Steigerung der Geburtenrate, doch darauf gibt es gegenwärtig keinen Hinweis.

Kann das Problem der Bevölkerungsschrumpfung durch verstärkte Zuwanderung gelöst werden?

Die Schrumpfung und die Alterung der Bevölkerung können nicht durch Migration gestoppt werden. Zum einen müssten jährlich viel mehr Menschen zuwandern, als gesellschaftlich akzeptiert würde. Zum anderen altern die zuwandernden Menschen ebenfalls und passen sich in ihren Kinderzahlen schnell der heimischen Bevölkerung an. Allerdings lassen sich die Folgen der Alterung beispielsweise für den Arbeitsmarkt reduzieren, wenn es gelingt, Zuwanderer mit ihren speziellen Kenntnissen und Fähigkeiten zu integrieren.

Hat eine ältere Gesellschaft auch Vorteile?

Zunächst einmal ist es sehr erfreulich, wenn wir alle eine längere Lebenszeit haben. Untersuchungen belegen zudem, dass viele ältere Menschen heute gesünder sind als die Generation zuvor. Damit nimmt auch die Zeit zu, in der Menschen bei guter Gesundheit produktiv sein können – sei es im Ehrenamt, im Erwerbsleben oder bei der Unterstützung der eigenen Familie.

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