"Berlin is in Germany" von Hannes Stöhr. Cover: arte Edition

Wie unwirklich sich eine neue politische Realität anfühlen kann! Das erfährt der 31-jährige Martin Schulz in dem Debütfilm von Hannes Stöhr am eigenen Leib.

Elf Jahre Knast. Wer das übersteht, hat wahrscheinlich seine Probleme mit der Rückkehr in die Gesellschaft. Wenn derjenige zusätzlich einen Staatswechsel zu verkraften hat, bietet das genügend Stoff für einen interessanten und anrührenden Film. Martin (Jörg Schüttauf) hat wegen Totschlags gesessen - in einem DDR-Gefängnis. Mehr als ein Jahrzehnt später wird er entlassen - in das vereinigte Deutschland. Das kennt er bislang nur aus dem Fernsehen. Wie im Zeitraffer muss Martin jetzt ebenso ver- wie aufarbeiten.

Ein Job muss her

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Obwohl er viele Jahre Zeit hatte, sich auf den Moment vorzubereiten, ist er ab der ersten Sekunde in Freiheit überfordert. Nur zaghaft wagt er sich, Kontakt zu seinen früheren Freunden, seiner Ex-Frau Manuela und dem gemeinsamen Sohn Rokko aufzunehmen. Den hat er übrigens noch nie gesehen.

Manuela hat sich gut im neuen Deutschland eingelebt und hat zudem einen neuen Mann an ihrer Seite. Dem gefällt natürlich gar nicht, dass ihm jetzt ein Knacki Konkurrenz macht. Denn das versucht Martin – allerdings braucht er dazu erst mal einen Job. Er beschließt, Taxifahrer zu werden. Gar nicht so leicht, wenn weder Personalausweis noch Führerschein gültig sind und irgendwie keiner so genau weiß, wie man neue Papiere bekommt. Auch Martins übrig gebliebenes DDR-Geld will jetzt keiner mehr sehen, geschweige denn umtauschen. So darf es denn getrost als Papierflieger dienen.

Wenn die Geschichte vorbei rauscht

Martin Schulz ist ein Mann zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Galgenhumor und Trostlosigkeit, zwischen Sehnsucht nach der DDR und vom Fernsehen genährten Illusionen über die Bundesrepublik.

Hannes Stöhrs preisgekrönter Film - u.a. "Bester Film" des Verbandes der Deutschen Kritiker - ist ein untypischer und gerade deshalb empfehlenswerter Wende-Film. Voller Charme und Witz und nahezu ohne Klischees beschreibt „Berlin is in Germany“, wie die Geschichte an einem Mann vorbei rauschen kann.

 

Hannes Stöhr: "Berlin is in Germany"
arte Edition, 10,95

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